Foto: Wesley Harrison (singend), Ela Beysun (gebärdend), Lena Geiger (singend) und Rafael-Evitan Grombelka (gebärdend) als Max und Agathe © Thilo Beu
Text:Sarah Ritter, am 12. April 2026
Als Koproduktion von Oper Köln und COMEDIA Theater Köln bringt „Freikugeln – Der Freischütz in fünf Dimensionen” Carl Maria von Webers romantische Oper „Der Freischütz” für ein Publikum mit und ohne Hörbehinderung ab 8 Jahren auf die Bühne. Brigitta Gillessen und Rainer Mühlbach erzählen die Geschichte in zwei Sprachebenen: mit Tauben und hörenden Schauspieler:innen und Sänger:innen.
Auf der Bühne (Ute Lindenbeck): Fünf übergroße Setzkästen, darin allerlei Kuriositäten wie ein Mini-Backofen, Gewehre, ein Brautkleid, eine Bonsai-Eiche. Drei Kästen links, zwei rechts in einer Flucht auf ein Puppentheater deutend, das mit zugezogenem Vorhang in der Mitte steht. FREIKUGELN steht auf einem geschwungenen Schild darüber. In Brigitta Gillessen und Rainer Mühlbachs Stückfassung von Carl Maria von Webers romantischer Oper, der sie den imposanten Untertitel „Der Freischütz in 5 Dimensionen“ gegeben haben, spielen Taube und hörende Schauspieler:innen und Sänger:innen gleichberechtigt die Handlung. In Koproduktion mit dem COMEDIA Theater startet die Kinderoper Köln damit den Versuch, Musiktheater für Menschen mit Hörbehinderung erfahrbarer zu machen. Als Hörende kann die Autorin natürlich nicht abschließend beurteilen, ob das funktioniert.
Max und Agathe gedoppelt
Die Handlung bleibt nah beim Original: Max (Rafael-Evitan Grombelka gebärdend, Wesley Harrison singend) ist ein miserabler Schütze. Aber um Revierförster zu werden und Förstertochter Agathe (Ela Beysun gebärdend, Lena Geiger singend) heiraten zu können, muss er den Probeschuss schaffen, den der windige Fürst Ottokar (Maximilian von Ulardt) ihm abverlangt. Von seinem zwielichtigen Kumpel Kaspar (Ferhat Baday) lässt er sich zum Schmieden der schicksalshaften „Freikugeln“ überreden, von denen 6 treffen, die siebte aber „äffen“ und tun wird, was sie will. Natürlich bleibt Max am Ende nur die 7. Kugel für seinen Probeschuss.

Ela Beysun (Schauspielerin), Maximilian von Ulardt (Kuno) und Lena Geiger (Sängerin). Foto: Thilo Beu.
Agathe, gespielt im Doppel von der Tauben Schauspielerin Ela Beysun und der Sopranistin Lena Geiger, erklärt zu Stückbeginn Personen und Ausgangssituation im Zwiegespräch mit sich selbst. Die eine Agathe nutzt Lautsprache, die andere gebärdet. Ergänzend werden wichtige Schlagworte als Zwischentitel auf den Vorhang des Puppentheaters im Hintergrund projiziert. Spielerisch wird das Publikum so eingeladen, den gestischen und mimischen Ausdrücken, die das Libretto nur in Worte fasst, besondere Beachtung zu schenken.
Im Tempo der Gebärdensprache
Kleine akustische Pausen, die entstehen, weil die Gebärdensprache mehr zu sagen hat, wo der Lautsprache ein Wort reicht, sind keine Verzögerungen, sondern bieten neue Perspektiven auf Handlung und Wortbedeutungen. Schön, dass auch das leichte, nicht überambitionierte Musikarrangement (Verena Guido) den Gebärden, Visual Signs und pantomimischen Passagen Raum gibt, statt sie für die Hörenden eifrig zu untermalen.
Rainer Mühlbach dirigiert die Musiker:innen des Gürzenich-Orchesters pointiert. Die Darsteller:innen zeigen sich sehr spielfreudig, was das Publikum honoriert. Gillessen bedient sich zudem einiger Tricks, um die Zuschauenden bei Laune zu halten: Kaspar erkauft sich die Gunst des Publikums mit Stickern, Agathes Tante Ännchen (Alina König Rannenberg) verteilt Fähnchen und fordert zum Mittanzen auf. Das (junge) Publikum lässt sich durch diese kleinen Jahrmarkt-Einlagen gern bestechen.
Größter Gewinn der Inszenierung bleiben die Rollenpaare Max, gespielt vom tauben Schauspieler Rafael-Evitan Grombelka und Tenor Wesley Harrison und Agathe. Während die Visual Signs den anderen Darstellern eine kleine ergänzende Ausdrucksmöglichkeit bieten, zeigen die Paare Facetten einer einzigen Persönlichkeit. Grombelka ist ein forscherer Max, Harrison ein bedachterer, ängstlich – und etwas tollpatschig sind sie beide. Rührend ist, wie die beiden Maxe in ihrer Liebesarie gemeinsam schmachten, sich bei den Schießübungen nicht abwechseln wollen, einander Mut zusprechen beim Schmieden der Kugeln. Beysuns Agathe ist frech und rebellisch, Geiger zeigt mit weichem Sopran ihre romantische Seite. Im Spiel ergänzen sie sich wunderbar.

Max (Schauspieler Rafael-Evitan Grombelka), Kaspar (Ferhat Baday) und Max (Sänger Wesley Harrison) beim Kugelschmieden. Foto: Thilo Beu
Insgesamt funktioniert viel in dieser Produktion, lediglich das Finale ist dramaturgisch etwas holprig, zumal Teile der Zuschauenden noch immer auf Kaspars Seite sind (junges Publikum liebt eben immer die Bösewichte). Am Ende skandieren alle mit Nachdruck „Liebe ist stärker als Angst!“ – Hand aufs Herz und Faust zum Himmel.