Foto: „Das Spielwerk und die Prinzessin“ von Franz Schreker an den Bühnen Halle mit Ki-Hyun Park. © Anna Kolata
Text:Roberto Becker, am 12. April 2026
Das selten aufgeführte Werk „Das Spielwerk und die Prinzessin“ von Franz Schreker landet an den Bühnen Halle einen Coup und wird in der Inszenierung von Nele Lindemann zu einer entrückten (Alp-)Traum Welt.
Der Oper in Halle, und da vor allem der Staatskapelle unter ihrem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon, ist ein Coup gelungen. Gerade rechtzeitig zum 20-jährigen Jubiläum ihrer Gründung (sprich der Fusion von Philharmonie und Opernorchester). Und zwar nicht – festspielstadtgemäß – mit einem Werk des in Halle geborenen Barockgroßmeisters Georg Friedrich Händel, sondern mit einer Oper von des durch die Nazis von den Bühnen verbannten Franz Schreker (1878-1934).
Symbolische überladenes Libretto
„Das Spielwerk und die Prinzessin“, das 1913 zeitgleich in Frankfurt am Main und Wien uraufgeführt wurde, zählt auch in Zeiten der beharrlichen Franz-Schreker-Renaissance der letzten Jahrzehnte zu dessen höchst selten gespielten Werken. Was nicht verwundert. Aber nicht wegen der Musik, sondern eher wegen des so symbolistisch überladenen, wie verwirrend gestrickten Librettos, das sich Schreker da selbst zusammengebastelt hat. Ein Gut-und-Böse-Personaltableau wie aus dem Märchenbuch. Mit viel Geheimnisvollem und Adaptiertem. Mit einer Prinzessin, die krank zum Tode hin ist, wie eine alt gewordene Salome und einem fröhlichen Wanderburschen, der sie erlösen will. Wo Übermächte am Werk sind, das Volk rumort, dem titelgebenden Spielwerk und dessen Schöpfer misstraut. Und wo die ekstatische Enthemmung, in die sich die Handlung (besser das Geschehen bzw. die Seelenzustände) hineinsteigert, in einer Katastrophe mündet. Diesem Libretto ist rational und mit den bewährten Mitteln des Musiktheaters kaum beizukommen.

„Das Spielwerk und die Prinzessin“ von Franz Schreker an den Bühnen Halle mit Franziska Krötenheerdt, Roman Soviar, Michael Zehe sowie Yunje Choi, Geonhee Kim, Kati Götz und Konstanze Winkler. Foto: Anna Kolata
In Halle lassen sich Nele Lindemann (Regie), Zana Bosnjak (Ausstattung) und Piero Glina (Video) gar nicht erst auf einen solchen Versuch ein. Sie erfinden sich stattdessen eine ganz eigene (Alp-)Traumwelt. Irgendwo zwischen den Zeiten, Welten und Zuständen. Bei manchen der eindrucksvoll gemachten Videos wähnt man sich gar in einem Mikrokosmos von Zellstrukturen oder was auch immer. Jedenfalls im diffusen Halbdunkel kurz vor den Sphären des Verständlichen und rational Nachvollziehbaren. Dass ein verkorkstes Spielwerk wieder in Gang gesetzt und eine todkranke und auch so aussehende Prinzessin von einem hoffnungslos optimistischen Wanderer gerettet werden soll, wird immerhin in etwa klar. Auch, dass das alles in einer spektakulär eskalierenden Katastrophe endet. Der Frage, warum da wer, gerade was macht, kann man nachgehen; man kann es aber auch lassen.
Idealtypische Balance
Und sich vom Strom der Musik mitreißen lassen. Denn die verbirgt ihre betörende Schönheit und Suggestivkraft kein bisschen hinter neutönendem Aktionismus. Die will in den Bann ziehen mit all der Macht, die die Nachfahren und Überwinder Wagners aufzubieten haben. Und da hat Schreker einiges zu bieten. Manchmal meint man sogar, ein paar verwehte Klänge aus dem Gralsbezirk zu vernehmen. Was Schreker hier entfesselt, ist weder ein provozierender Bruch mit der Spätromantik noch deren Imitation. Es ist schon der selbstbewusste Schritt weiter in eine eigene Sprache des Orchesters und dessen Verbindung mit dem Parlando der Protagonisten, die ihm dauerhaftes Interesse sichern. Der aber zugleich dem mit Wagner und Strauss vertrauten Hörer von heute den Genuss des Nachhalls garantiert. Die groß besetzte und streicherstarke Staatskapelle ist auf der Hinterbühne platziert, dort nur manchmal zwischen den Gazevorhängen zu sehen, aber auf eine wunderbar ausgewogene, genau richtig dosiert wirkende Weise zu hören.
In dieser geradezu idealtypischen Balance widmen sich denn auch durchweg alle Protagonisten mit Inbrunst ihren Rollenporträts. Thomas Weinhappel stattet den Spielwerkbauer Florian mit Baritonwucht und Charisma aus. Franziska Krötenheerdt trägt als Prinzessin ihre Maske der körperlichen Verwüstung mit Würde, steigert sich vokal bis ins Hysterische und erzeugt dennoch Mitgefühl. In passend leichtfüßig naivem Kontrast ist Chulhyun Kim der Wanderbursche, der das Spielwerk zum Klingen und die Prinzessin (ob er weiß, wie?) retten will. Yulia Sokolik führt als Liese die Riege der Bösen an. Zu der gehört auch der Ex-Gehilfe Florians Wolf, dem Ki-Hyun Park vokale Finsternis verpasst. Frank Fladen hat den Chor überzeugend als außer Rand und Band geratenes Volk einstudiert. Am Ende war der Jubel einhellig. Und das zu Recht!