„Achtsam morden” am Schlosstheater Neuwied. Ein Mann mit Kettensäge und freundlich schmunzelnd steht neben einem Mann, mit Goldkette um den Hals und schwarzer Lederjacke. Er guckt grimmig-cool. Zwischen ihnen sitzt eine Frau, die in die Kamera schaut und einen riesigen Plüschaffen in den Armen hält.

„Theater muss immer neue Stoffe suchen“

Bernd Schmidt, Geschäftsführer des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs, kennt als Verleger die Wege belletristischer Literatur auf die Bühne. Außerdem ist er Autor der Bühnenfassung des Buch- und Theaterbestsellers „Achtsam morden“. 

DIE DEUTSCHE BÜHNE Herr Schmidt, wie finden Sie als Verleger geeignete literarische Stoffe für die Bühne: Wird Ihnen der größte Teil angeboten, stammen sie aus Ihrem persönlichen Lesestoff, oder suchen Sie gezielt in der Belletristik nach passenden Büchern?

Bernd Schmidt Das ist unterschiedlich. Theaterverlage arbeiten teilweise eng mit Buchverlagen zusammen. So sind wir immer im engen Gespräch mit den zuständigen Leuten bei entsprechenden Verlagen, tauschen uns zu jedem Frühjahrs- und Herbstprogramm aus. Wir lesen viel, um zu sehen, ob es in den Romanen jeweils ein Potenzial für die Bühne gibt. Der andere Weg ist, dass Theater Interesse an einem bestimmten Stoff haben, sich dann an einen Buchverlag wenden, oder – weil ihnen die Rechtebeschaffung zu kompliziert ist – direkt an den Theaterverlag ihres Vertrauens. Dann muss man sich überlegen, ob man dieses Buch in sein Programm aufnehmen möchte. Das betrifft nicht nur Bücher, sondern auch Filme. Das Dritte ist, dass man selbst durch Buchhandlungen geht und nach eigenem Interesse Stoffe sucht. In dem Fall prüfe ich, ob es schon eine Bearbeitung gibt.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Bei „Achtsam morden“, das Sie persönlich bearbeitet und damit einen großen Erfolg erzielt haben, war die persönliche Lektüre der Ausgangspunkt?

Bernd Schmidt Nicht ganz. Die Agentur Marcel Hartges hat mir den Stoff 2019 zusammen mit anderen gegeben. Bei der Durchsicht ist mir dieser Roman aufgefallen, ich habe ihn aber zunächst zur Seite gelegt. 2020 war nach dem Coronaausbruch für Theaterverlage einerseits nicht viel zu tun, weil die Theater nicht spielten. Stattdessen gab es viel zu klären bei der rechtlichen Ermöglichung von Streamingproduktionen. Trotzdem wussten wir nicht mehr, wie es weitergeht. Das haben wir ja inzwischen alle vergessen, wie dramatisch und ungewiss die Situation für das Theater damals war. Wir Verlage waren von den Einnahmen vollkommen abgeschnitten. Damals bin ich die Prosa noch einmal durchgegangen und habe mich an den Stoff „Achtsam morden“ erinnert, mich hingesetzt und zu Hause meine eigene Theaterwelt geschaffen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Also kreatives Schreiben auch aus therapeutischem Ansatz…

Bernd Schmidt Welche Aussichten das hat, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, fand den Stoff aber spannend und in der Zeit liegend. Ich habe es mit drei Personen probiert, weil der Humor des Buchs gut zu schnellen Wechseln passt. Das kann man natürlich nicht mit jedem Stoff so machen, es fügt sich aber mit den Travestiemomenten und der Rasanz und der Lust am Spiel. Dann brauchte ich noch das Einverständnis des Autors. Das steht ohnehin immer am Anfang.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Das wäre unsere nächste Frage gewesen… Sie holen immer zunächst das Einverständnis der Autor:innen ein?

Bernd Schmidt Ja, wenn man ein Buch bearbeiten möchte, nimmt man Kontakt zum Autor auf und fragt, ob das recht ist. Das hatte ich getan. Und wenn es dann fertig ist, legt man es ihm wieder vor. Er hätte sagen können, das gefällt mir nicht, fertig. Das war nicht der Fall, er hatte nur ein paar kleine Änderungswünsche.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Ein Austausch mitten in der Arbeit an der Bearbeitung ist nicht üblich, bevor man ein böses Ende erlebt?

Bernd Schmidt Ich rate dazu, am Anfang ein kurzes Exposée vorzulegen. Das gibt Aufschluss darüber, wohin die Reise gehen soll. Und bietet eine gewisse Garantie, dass das Projekt später nicht scheitert.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Hilft ein Vertrag, um spätere Konflikte zu vermeiden?

Bernd Schmidt Wenn ich merke, dass der Autor sehr sensibel reagiert, muss ich dem Rechnung tragen: Indem man sich intensiver austauscht und die Dinge schrittweise entwickelt. Nur so bekommen beide Seiten einen Sinn für die Besonderheiten des anderen. Deswegen ist es mir noch nicht passiert, dass ein Projekt gescheitert ist. Wenn ein Autor Vorbehalte hat, gehört es im Übrigen dazu, dass er selbst konkrete Vorschläge macht.

Ein Porträt von Bernd Schmidt, Verleger und Geschäftsführer des Kiepenheuer Bühnenvertriebs.

Bernd Schmidt, Verleger und Geschäftsführer des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs. Foto: privat

DIE DEUTSCHE BÜHNE Noch einmal zur Variante, dass ein Theater bei Ihnen nach der Bühnenversion eines Stoffes fragt: Wie finden Sie den/die Bearbeiter:in? Kommt diese Person von Ihnen oder vom Theater, etwa der Dramaturg der Produktion?

Bernd Schmidt So etwas entsteht oft aus Arbeitszusammenhängen; deswegen wenden sich die Theater auch an uns. Man muss bedenken, Theaterverlagsarbeit ist ein ganz eigenes Geschäft. Als Lizenzabteilung eines Buchverlags kann man nicht überschauen, welche Interessen in den Theatern vorliegen. Man kennt nicht die Leute, die Regisseure, die Ensembles, die Räume. Im Filmbereich und im Hörspielbereich ist das einfacher, weil es eine überschaubare Anzahl von Personen gibt. Die Informationsmöglichkeiten sind da anders als in der vielfältigen und sehr großen Theaterszene Deutschlands. Und wir wissen, dass Ensembles unterschiedlich aufgestellt sind, es bestimmte Programmlinien gibt.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Worin liegt das Erfolgsgeheimnis von „Achtsam morden“ als Bühnentext? Die ungewöhnliche Kombination aus Kriminalkomödie und der Vermittlung psychotherapeutischer Methoden der Achtsamkeit? Oder reicht es auch, wenn ein Buch auf der Bestsellerliste steht?

Bernd Schmidt „Achtsam morden“ wurde erst zum Bestseller! Ich wusste damals auch nicht, dass Netflix später eine Serie drehen oder es Fortsetzungen des Buches geben würde. Natürlich entsteht dann eine Fangemeinde: Wenn die den ersten Teil toll fanden, wollen sie auch die Fortsetzung lesen. Das hat sich im Theater fortgesetzt. Ich habe von Theatern gehört, dass zu den Aufführungen Publikum kommt, das sonst nicht ins Theater geht. Mit dem Stoff wird ein Publikum angesprochen, das zunächst die Romane kennengelernt hat und dadurch erst den Weg ins Theater sucht. Mir war bei der Bearbeitung wichtig, dass die Menschen, die den Roman mögen, nicht enttäuscht werden, sondern dass sie einen Zugewinn haben, ohne dass man etwas verbiegt oder etwas Substanzielles hinzuerfindet. Dass die Erwartungshaltung einerseits befriedigt, aber andererseits auch erweitert wird, weil man durch den Blick auf die Bühne das szenische Potenzial in dem Werk erkennt.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Lässt sich jeder Roman für die Bühne bearbeiten, oder gibt es Kriterien, die für die Chancen einer Bühnenadaption entscheidend sind?

Bernd Schmidt Wichtig ist, ob ein Roman dialoggeprägt ist. Und wenn diese Dialoge so gut sind wie in Fontanes „Effi Briest“, dann weiß man, das wird gut zu bearbeiten sein. Natürlich kann man grundsätzlich alles auf die Bühne stellen. Die Frage ist, zu welchem Ergebnis man kommt. Man kann auf dem Theater alles behaupten, aber manchmal wird es so kompliziert, dass die Bühnenwelten vom Publikum nicht mehr nachvollzogen werden können. Wenn ein Roman Abiturstoff ist, kann man hingegen davon ausgehen, dass er den Weg auf die Bühne finden wird – egal, ob er geeignet ist.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Es gibt zahlreiche erfolgreiche Autor:innen wie Juli Zeh, Nino Haratischwili oder Jenny Erpenbeck, die Dramatik wie Romane schreiben – und das vermutlich sehr bewusst tun.

Bernd Schmidt Günter Grass wollte „Die Blechtrommel“ in den 1950er-Jahren ursprünglich als Theaterstück schreiben. In der Komplexität dessen, was er erzählen wollte, ist er dann nicht vorangekommen. Das Theater damals war allerdings anders ausgestattet, hatte eine andere Ästhetik. Heute existiert der Roman in verschiedenen Fassungen, vom Monolog bis zum personenreichen Stück. Und das Theater hat sich seitdem stark verändert. Wir haben andere Ensembles, wir haben Video auf der Bühne, können Geschichten viel komplexer erzählen. Günter Grass hatte seine Freude an den verschiedenen Bearbeitungen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wie hat sich die Rolle und Wahrnehmung von Literatur auf der Bühne in den letzten Jahren nach Ihrer Beobachtung verändert?

Bernd Schmidt Ich freue mich natürlich, wenn Original-Theaterstücke gespielt werden. Darum geht es mir in erster Linie. Aber das Theater muss immer neue Stoffe suchen. Shakespeare hat für die Römerdramen Quellen genutzt, Goethe die Faust-Volksbücher. Die Neugierde im Theater darf nicht nachlassen. Man muss erkennen, ob es der richtige Stoff und Weg ist. Es gibt Kollegen, die Adaptionen immer rigoros abgelehnt haben. Ich finde, man muss die Stoffe gut ausloten. Einen Maulkorb darf es nicht geben.

Bernd Schmidt ist seit 2000 Geschäftsführer des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs. Von 2004 bis 2010 war er Vorstandsvorsitzender des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage. Er hat Bühnenwerke übersetzt und bearbeitet, unter anderem „Achtsam morden“ von Karsten Dusse.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 2/2026.

Detlev Baur Porträt Ulrike Kolter Porträt

Er kennt Bernd Schmidt seit Jahren als Verleger, sie hat alle Bände von „Achtsam morden” gelesen und findet den humorvollen psychotherapeutischen Ansatz sehr gelungen und bühnengeeignet.