Die Romane der Schriftstellerin und Regisseurin Jenny Erpenbeck sind momentan sehr präsent auf den Bühnen – auch, weil „Heimsuchung“ Abiturstoff ist. Ein Gespräch über das Leben zwischen Literatur und Theater, das Lesen von Stückfassungen, den Sprachduktus von Opernlibretti und den Wunsch, das Denken des Publikums möge jenseits des Textes weitergehen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Frau Erpenbeck, Sie stammen aus einer Schriftstellerdynastie, haben erst eine Buchbinderlehre absolviert, einen Abstecher in die Requisite unternommen und dann Musiktheaterregie studiert. Kam das Theater für Sie erst nach der Literatur?
Jenny Erpenbeck Ich wollte nie Schriftstellerin werden, habe bis nach dem Opernregiestudium auch keine längeren Texte geschrieben, nur Tagebuch und kurze Sachen. Das Schreiben war mir immer das Nächste, aber einen Beruf wollte ich daraus nicht machen. Nach dem Studium, als ich zunächst keine Arbeit als Regisseurin fand, schrieb ich mein erstes Buch „Geschichte vom alten Kind“, das mit etwas Verspätung 1999 erschien. Zu der Zeit war ich dann schon Regieassistentin am Opernhaus Graz, meine erste eigene Inszenierung dort war „Hänsel und Gretel“, ein Jahr später folgte „Kiss Me, Kate“ – in einem Bühnenbild aus Wien von 1972! Am Schauspiel Graz sollte ich dann ein Stück für zwei Schauspielerinnen inszenieren, fand aber kein passendes und schrieb deswegen über den Sommer eines selbst: „Katzen haben sieben Leben“. Das war übrigens auch am Deutschen Theater mehrere Jahre in einer sehr guten Inszenierung von Marianne Wendt zu sehen. Nach der „Geschichte vom alten Kind“ kam bald mein Erzählungsband „Tand“ heraus und dann die Novelle „Wörterbuch“. Die ersten Jahre habe ich das Schreiben durchs Inszenieren finanziert. Als Autorin verdient man ja nicht die Welt. Es war allerdings immer ein ziemlicher organisatorischer Aufwand, unser Kind zu Inszenierungen mitzunehmen. Mein Mann ist Dirigent und war zu der Zeit fest in Hannover als GMD. Als unser Kind in die Schule kam, konnte ich dann schon vom Schreiben leben, da bin ich also in Berlin sesshaft geworden und habe ernsthaft angefangen zu schreiben.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Der Alltag mit Kind hat es also befördert, dass Sie von der Regisseurin zur Schriftstellerin wurden?
Jenny Erpenbeck Als ich jung war, habe ich alles parallel gemacht, später muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sind Sie heute der Literatur mehr verbunden als dem Theater?

Jenny Erpenbeck beim Gespräch mit Ulrike Kolter im Max Reinhard Zimmer des Deutschen Theaters Berlin. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz
Jenny Erpenbeck Beides hat seine guten Seiten. Ich mag es sehr, mit Musik zu arbeiten. Das Schöne und gleichzeitig Schwierige am Theater ist die Ensemblearbeit. Da entstehen mitunter unverhofft wunderbare Sachen, allerdings gibt es auch manchmal Diskussionen, die anstrengend sind. Am Schreiben liebe ich das unabhängige Nachdenken, ich kann jeden Satz erst einmal hinschreiben und schauen: Wie sieht er aus? Und Erfindungen in Prosa kosten kein Geld. Dafür ist man aber mit allen Krisen allein, niemand kann einem raten. Theater ist ein riesiger Apparat, es ist auch physisch sehr anstrengend, diese Maschinerie in Gang zu halten, gerade während der Endproben. Wenn es schließlich funktioniert, ist es herrlich, aber es kostet viel Kraft. Beim Schreiben kriegt man nur Rückenprobleme. (lacht)
DIE DEUTSCHE BÜHNE In der Dankesrede zum Hans-Fallada-Preis in Neumünster erklärten Sie einmal, warum ein Mensch beginnt zu schreiben: „Ich glaube, es liegt daran, dass es einem schwerfällt, sich verständlich zu machen.“ Das Theater fordert einem doch das Gegenteil ab, nämlich sich ununterbrochen mit Menschen zu verständigen, oder?
Jenny Erpenbeck In der Regie hat man ja einen fremden Text, also ein Material, über das man sich Gedanken macht. Es geht da um Umsetzung, aber nicht um das Erschaffen von Grund auf. Das ist ein anderer Vorgang, da fällt mir das Reden weniger schwer. Was mich eher stört, ist, dass Theater ein so hermetisches Universum ist. Der Countdown zur Premiere ist jedesmal so mörderisch, dass von „Gedanken schweifen lassen“ nicht mehr die Rede sein kann. Dabei ist es das, was ich an der künstlerischen Arbeit am meisten mag.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie haben auch einige Opernlibretti, zum Beispiel „Fidelio“ fürs Theater Koblenz, geschrieben. Worin liegt darin der Reiz für Sie?
Jenny Erpenbeck Das ursprüngliche „Fidelio“-Libretto ist ja zu Beethovens Zeit von drei Autoren zusammengeschustert worden und bei heutigen Regisseuren nicht sehr beliebt. Ich habe im Grunde nur eine Rahmenhandlung dazuerfunden, in der sich die greise Leonore an das, was in der Oper geschieht, erinnert. Dadurch wird die altertümliche Sprache in eine Distanz gerückt, quasi zitiert. Auch Revolutionäre werden ja irgendwann einmal alt. Bei Mozarts „Zaide“ liegt der Fall anders, da sind ohnehin nur die Texte der Musiknummern erhalten. Der Intendant des Nürnberger Theaters gab mir den Auftrag, ein Stück zu schreiben, in das die vorhandenen Musiknummern sinnvoll integriert werden können. Also habe ich ein modernes Stück in Anlehnung an die Geschichte von Patty Hearst geschrieben. Sie war Erbin eines amerikanischen Medienmoguls, wurde entführt und solidarisierte sich zur Überraschung aller mit ihren Entführern. Für jede Mozart-Figur gab es ein Schauspieler-Double, die modernen Stückpassagen und die klassischen Musiknummern haben sich abgewechselt und ergänzt, das war sehr reizvoll. Auf „Lot“ als Opernstoff kam ich beim Durchblättern der Bibel für eine Recherche. Giorgio Battistelli, der Komponist, musste darin den Untergang von Sodom komponieren, also quasi einen Weltuntergang – und der konnte das auch! Lot denkt, er ist für eine besondere Aufgabe auserwählt, denn Gott rettet ihn, aber das ist eben auch schon alles. Eine Aufgabe wartet nicht auf ihn. Die Abwesenheit von Lebenssinn, die verbrannte Herkunft – das ist alles hochaktuell. Die Inszenierung von Frank Hilbrich war exzellent, es ist ein Jammer, dass dieses Stück nicht nachgespielt wurde.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie sind also prädestiniert für Opernlibretti. Muss der Sprachduktus für eine Oper ein anderer sein als im Schauspiel?
Jenny Erpenbeck Aus meiner Zeit als Opernregisseurin weiß ich natürlich, was Sänger können und brauchen – und was die Zuhörer. Die Sätze sollten klar und kurz sein. Sie sollten im Gestus spontan verständlich und gut zu singen sein. Vokale, so wie im Italienischen, sind gut. Nebensätze und Verschachtelungen dagegen Gift.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie haben Werner Bräunigs üppigen Bergbauroman „Rummelplatz“ in ein knappes Opernlibretto transformiert und dabei das Kunststück bewältigt, den Hauptcharakteren ein klares psychologisches Profil zu geben – trotz knapper Sprache. Wie funktioniert so etwas? In Ihren Büchern nutzen Sie eine sehr präzise Sprache, haben aber viel mehr Raum zur Entwicklung der Figuren.
Jenny Erpenbeck Der Text ist eine Vorlage, von der die Musik abheben kann. Schon beim Schreiben denke ich an den Raum jenseits der Sprache, der sich für die Musik öffnen soll. Und ich weiß natürlich, dass ein Chorauftritt oder die Verwandlung eines Bühnenbildes einfach technisch Zeit brauchen. Das andere sind die Formen: Ein Chor treibt die Handlung oft voran, während Arien eher ein Innehalten, ein Nachdenken sind. Reizvoll in der Oper ist, dass man in Ensembles verschiedene Stimmen, verschiedene Ebenen gleichzeitig erzählen und zusammenklingen lassen kann.
DIE DEUTSCHE BÜHNE In „Rummelplatz“, uraufgeführt letzte Saison am Theater Chemnitz, ist der Chor eine treibende Kraft, das Kollektiv ist schon im Roman wichtig. Haben Sie diesen Schwerpunkt gesetzt oder der Komponist Ludger Vollmer?
Jenny Erpenbeck Ludger kann sehr gut Chorszenen schreiben – und hat sich dann noch mehr Chor gewünscht, also habe ich das verstärkt. In meiner ersten Fassung brach der Friedhof, auf dem der Rummelplatz steht, ein, und die Toten lagen plötzlich offen da. Die zweite Fassung endete dann wie das Buch mit dem Aufstand am 17. Juni 1953. Beide Varianten gibt der Stoff her. Allerdings habe ich mich entschieden, einen Epilog zu ergänzen, der für die Gegenwart relevant ist. Wenn man den Aufbruch der 1950er-Jahre aus Bräunigs Buch erzählt, diese verschiedenen Arten von Hoffnung, von Menschen, die nach dem Krieg einen Neuanfang machen wollten, muss man auch den Bogen zur Nachwendezeit schlagen, wo die „Wismut“ aufgelöst und demontiert wurde.

Das Ensemble auf dem „Rummelplatz”, uraufgeführt am Theater Chemnitz. Foto: Nasser Hashemi
DIE DEUTSCHE BÜHNE Noch mal zur Skizzierung der Figuren im Roman: Wie erschafft man in einer Oper solche Persönlichkeiten?
Jenny Erpenbeck Man überlegt gründlich, was der Kern ist. Woran scheitern die Beziehungen, worauf hoffen die Figuren? Was haben sie hinter sich? Peter Loose zum Beispiel ist ein freier Geist, eine Art Vagabund, der in der frühen DDR aneckt und unschuldig im Gefängnis landet. Ich mag es, dass nur so ein paar Inseln von Text gesungen werden – aber darunter liegt eine ganze Welt. Für das, was man hinschreibt, ist das Bewusstsein von dem, was unausgesprochen bleibt, essenziell. Ich schreibe gern so, das liegt mir, und ich verlasse mich gern auf die Musik, die ja dazu da ist, gerade von dem, was nicht mit Worten ausgedrückt werden kann, von den Gefühlen, zu erzählen.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Das passt zur Sprache Ihrer Romane, die präzise komponiert ist, teils fast unemotional, bei der sich aber im Untergrund so viel offenbart …
Jenny Erpenbeck Ich wünsche mir, dass beim Leser oder dem Publikum das Denken und das Fühlen noch weitergehen. Ich mag nicht, wenn alles ausformuliert ist.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Ihr Buch „Heimsuchung“ von 2007 ist ein komplexer Geschichtsroman und derzeit Abiturstoff. Es erlebt deshalb in dieser Saison viele Premieren. Glauben Sie, es ist überhaupt geeignet für die Bühne?
Jenny Erpenbeck Gute Frage. Ich selbst empfinde es als schwierig, ein Werk, das als Prosa geschrieben wurde, auf die Bühne zu bringen. Prosa ist Prosa, Stück ist Stück. Andererseits bin ich immer gern ins Theater gegangen und weiß, wie schön es ist, wenn es im Rahmen des Deutschunterrichts einen Theaterbesuch gibt. „Rummelplatz“ von Bräunig war leichter auf die Bühne zu bringen, weil das Buch selbst einen großen dramatischen Bogen schlägt und, im Gegensatz zur „Heimsuchung“, die Figuren durchs ganze Buch hindurch dieselben bleiben. Bei „Heimsuchung“ gibt es in jedem Kapitel neue Hauptfiguren, das ist, gerade für kleinere Häuser, nicht einfach zu besetzen. In Freiburg kommt es als Monolog für nur eine Schauspielerin. Das ist eine radikale Entscheidung: Die Schauspielerin erzählt die ganze Handlung und arbeitet nur mit Requisiten, das finde ich reizvoll. Ich war ja auch einmal eine Zeit lang Requisiteurin am Theater und mag die Idee des Weges, den so ein Requisit quer durch die Handlung nimmt.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Alle Stückfassungen der Theater zu lesen, ist vermutlich großer zeitlicher Aufwand, es sind allein in dieser Spielzeit um die zehn Premieren …
Jenny Erpenbeck Ich habe bis jetzt schon etliche Fassungen durchgeschaut, denn wo mein Name draufsteht, sollte die Sache auch in meinem Sinne Hand und Fuß haben. Manchmal ist es eher dramaturgische Arbeit, die ich da leiste. Es betrifft die Auswahl der Szenen und die Art, in der sie sich abwechseln, also die zeitliche Struktur. Ich telefoniere dann jeweils um die zwei Stunden, oft gibt es noch eine zweite und dritte Fassung. Wie viel Arbeit das ist, ahnt keiner! Nur wundern sich alle, warum es kein neues Buch von mir gibt. Natürlich hätte ich selbst eine Bühnenfassung schreiben können, aber jedes Theater hat andere Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, das Stück zu besetzen, das hätte also nicht viel genützt. Und die Regisseure sollen ruhig frei sein, eigene Konzepte zu entwickeln. Auch mit Volker Schlöndorff, der gerade an einer Verfilmung arbeitet, habe ich für das Drehbuch zusammengesessen. Das Hauptproblem bei so einer Umwandlung von Prosa in Drama ist, dass man beim Lesen eines Buchs vor- und zurückblättern kann, es ist also etwas Dreidimensionales, etwas Räumliches. Die Zeit im Theater verläuft ganz anders. Die Zuschauer sind auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, im Moment zu verstehen, was passiert. Ein Buch kann in Wellen erzählt werden. Aber wenn im Theater eine Figur erst nach einer halben Stunde auftritt, hat sie kaum noch eine Chance, als Hauptfigur wahrgenommen zu werden.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Ihr Roman „Kairos“, für den Sie 2024 den International Booker Prize bekommen haben, erzählt die Affäre der jungen Katharina mit dem deutlich älteren Hans in Zeiten des Zusammenbruchs der DDR. Als sehr emotionale, auch historische Geschichte ist dieses Buch womöglich theatraler als „Heimsuchung“. In Weimar wurde „Kairos“ kürzlich als Zweipersonenstück mit großer epischer Distanz auf die Bühne gebracht. Funktioniert das?
Jenny Erpenbeck Ich habe die Aufführung nicht gesehen. Zentral ist auf jeden Fall, dass Hans wirklich Charisma hat, sonst funktioniert es nicht. Wenn er ein Stasispießer mit Bügelfalte ist, fällt die ganze Geschichte in sich zusammen.

Sebastian Kowski (Hans) und Nadja Robiné (Katharina) in „Kairos” nach dem gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck in der Inszenierung von Beate Seidel am NT Weimar. Foto: Candy Welz
DIE DEUTSCHE BÜHNE Gibt man nicht sehr viel ab von seinem Werk, ist es ein Phantomschmerz, zu wissen, nun gibt es wieder eine neue Theaterfassung?
Jenny Erpenbeck Als Regisseurin weiß ich, dass Theaterleute mit meinem Text machen können und auch machen, was sie wollen. Kann gut gehen, kann schlecht gehen. Im besten Fall macht jemand wie Frank Hilbrich Regie (Anm. d. Red.: UA „Lot“ 2017 an der Staatsoper Hannover und UA „Rummelplatz“ 2025 am Theater Chemnitz), der nicht gegen den Text arbeitet, sondern ihm vertraut und selbst hochmusikalisch ist.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Wenn Sie frei wählen könnten für Ihr nächstes Werk: Prosa, Libretto oder Theaterstück?
Jenny Erpenbeck Also, ich schreibe schon gern Prosa.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Sehen Sie sich im Ausland als Schriftstellerin geachteter als hier?
Jenny Erpenbeck Mein Eindruck ist, dass in der englischsprachigen Welt die Freude an Literatur, an neuen Büchern viel größer und unverfälschter ist als hier, es ist eine echte Neugier. Dieses positive Interesse ist in Deutschland nicht so weit verbreitet, der Mut, mit einem Urteil vorzupreschen und sich selbst angreifbar zu machen, ist weniger groß. In Amerika oder England dagegen werden oft seitenlange Essays geschrieben, die auf großer Sachkenntnis beruhen. So ein Format gibt es hier gar nicht mehr, keine Zeitung gibt der Kultur so viel Raum, darüber sind die Journalisten ja selbst oft nicht glücklich.
DIE DEUTSCHE BÜHNE Im deutschen Feuilleton gab es Stimmen, die Ihnen „Ostdeutschtümelei“ vorwarfen. Ist diese Perspektive geprägt durch Ost-West-Ressentiments, die es in der Außenperspektive auf Deutschland so nicht gibt?
Jenny Erpenbeck Ich finde, um eine Zeit zu verstehen, sind viele verschiedene Geschichten nötig. Ich würde keiner einzigen ihre Art von Wahrheit absprechen. Aber wenn ich schreibe, muss ich aus meinem Erfahrungsschatz die Dinge zutage fördern, die ich für interessant halte. Und die Geschichte eines Liebhabers wie in „Kairos“, der seine Geliebte mit Stasimethoden traktiert, bis sie fast irre wird, erzählt für mich nicht von einer idealen Welt.

Chefredakteurin Ulrike Kolter und Jenny Erpenbeck nach dem Interview im Deutschen Theater Berlin. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz