drei Personen in einem Knäuel auf einer schwach beleuchteten Bühne

Auf Menschenjagd

nach Gaea Schoeters: Trophäe

Theater:Bühnen Bern, Premiere:28.03.2026 (UA)Vorlage:TrophäeAutor(in) der Vorlage:Gaea SchoetersRegie:Roger Vontobel

An den Bühnen Bern inszeniert Schauspieldirektor Roger Vontobel „Trophäe“ nach Gaea Schröters Roman als fiebrige Jagderzählung. Trotz einer spannungsreich aufgebauten Inszenierung und mitreißendem Spiel bleiben die Figuren auf Distanz.

Die Saaltür geht auf und das Publikum strömt in eine feine Gesellschafts-Atmosphäre: Am Flügel klimpert Matthias Herrmann Ambiente-Musik, ein Cover von Chers „Bang Bang“. Um das Instrument herum stehen June Ellys Mach, Susanne-Marie Wrage und Patrycia Ziółkowska in beige-gelben Fracks mit Drinks in der Hand. Es ist die zweite ausverkaufte Vorstellung von Schauspieldirektor Roger Vontobels Inszenierung von „Trophäe“ nach Gaea Schoeters 2024 erschienenem Roman, ein spannender Thriller und „ethisches Mindfuck“ wie ein Rezensent ihn beschrieb. „Dedicated to Africa, whatever that is. Dedicated to justice, whatever that is“, schrieb die Autorin in die Widmung mit einem kritischen Blick auf Kolonialismus und den afrikanischen Kontinent.

Der Roman handelt von einem weißen Jäger an der Spitze der Nahrungskette. Hunter White, ein vermögender Amerikaner, zahlt eine fünfstellige Summe, um ein Spitzmaulnashorn zu schießen, damit er seine Sammlung der „Big Five“ der Großwildjäger komplett machen kann: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe, Leopard. Das Nashorn ist die krönende Trophäe seiner Selbsterfüllung. Doch kommen ihm Wilderer zuvor. Anstatt der Big Five unterbreitet ihm nun Freund und Jagdleiter van Heeren das Angebot der „Big Six“ und die Tier- wird zur Menschenjagd: der junge, indigene !Nquate ist Hunters neue Beute. Im Gegenzug für sein Opfer soll dessen Freund Dawid von der gezahlten Jagdsumme ein Studium in Amerika ermöglicht werden. Schoeters bringt die Arterhaltung durch den Abschuss eines Herdenmitglieds hier auf ein neues Level.

Der White Gaze

Den White Gaze und die metaphorische Vorlage voller kolonialer Codes, die Schoeters einfängt, inszeniert Roger Vontobel in Saal 1 der Berner Vidmarhallen als fiebrige Jagd und einem inkorporierten Machtgefühl einer privilegierten Gesellschaft. Alles – Bühne, Lichttechnik (Michael Gööck), Musik und das Spiel der Darstellenden – zielt auf eine dramatische Spannung ab. Im Wechsel erzählen Mach, Wrage und Ziółkowska die Jagd nach, den Moment, wenn Hunter der Beute ins Auge blickt, das Adrenalin, das durch den Körper schießt.

eine Darstellerin in einer rennenden Bewegung eingefangen auf der Bühne

Patrycia Ziółkowska. Foto: Florian Spring

Gerade im zweiten Teil zieht Ziółkowska im fiebrigen Soloauftritt und einnehmender Präsenz in ihren Bann. Doch bleibt jenseits dieser durch das Ensemble hochgehaltenen Spannung doch eine Unberührtheit zurück, die Figur Hunter White bleibt ein distanziertes Abbild einer sich im Theater selbst kritisierenden, privilegierten Schicht (zu der sich auch die Kritikerin zählt): Die Gesellschaftskritik, die Schoeters anlegt, erzählt uns der Text, während die Inszenierung in der Jagddarstellung bleibt.

Fall von Jäger und Beute

Die Bühne (Olaf Altmann) zeigt einen riesigen Kasten auf der Drehbühne, der nach vorne abfällt, mit einem gulligroßen Loch in der Mitte. Diese Büchse der Pandora wird zur Mitte der Inszenierung mit vier montierten Stahlseilen geöffnet und nun strahlt daraus ein goldenes Licht. Die stumme Beute – „Der Junge ist ein Raubtier. Ein prächtiges Raubtier, das im Begriff ist, zuzuschlagen“ –, dargestellt durch einen Tänzer (abwechselnd Oscar Wittek und Robert Hughes), enganliegend und Schwarz gekleidet, tanzt er um den großen Bühnenkasten, ist ein flüchtiger Schatten um Hunter herum, ein Ausdruck einer perversen Romantisierung.

Herrmann sorgt mit Flügel und darauf aufgebauten Mischpult für mitreißende Soundeffekte, während Ziółkowska, Mach und Wrage im Rausch über die Bühne wanken. Den Höhepunkt wählt Vontobel in einer etwas sehr langen Szene innerhalb der fast zweistündigen Inszenierung in der tödlichen Begegnung von Hunter und !Nquate. Die „Justice“, die Gerechtigkeit, die Schoeters in der Widmung dem Roman zugrunde legt, erfahren wir nur in der erzählten Schlusszene, wenn Dawid auf dem Weg zum Studium nach Amerika am Flughafen zwei Holzkisten sieht: den schließlich von einer Mücke, Schwarzfieber und Skorpionstich selbst zur Strecke gebrachten Jäger und seine Beute.