Foto: „Sophia oder das Ende der Humanisten“ © Mirjam Knickriem
Text:Detlev Baur, am 21. März 2026
Die deutsche Erstaufführung von Moritz Rinkes KI-Komödie „Sophia oder das Ende der Humanisten“ am Berliner Renaissance-Theater unterhält mit witzigen Dialogen und teils starker Besetzung. Das Stück wird seinen Weg machen, auch wenn es das komplexe Thema genregemäß auf pointenreiche Dialoge begrenzt.
Künstliche Intelligenz ist tückisch, daran besteht kein Zweifel. Die Technik ist im Grunde ja „nur“ die extreme Beschleunigung statistischer Rechenprozesse. Ob die größere Gefahr in dieser Technik selbst oder aber in ihrer Körperlosigkeit, in ihrer Ungreifbarkeit für den menschlichen Geist, liegt. ist eine andere Frage. All das ist ein weites Feld. Dennoch ist KI längst ein großes Thema auf den Bühnen, Thomas Köck hat sich mit „KI essen seele auf“ erst jüngst wieder kritisch mit diesem in seiner Abstraktion auch fürs Theater so tückischen Thema beschäftigt.
Doch nun – und das ist neu – gibt es eine Komödie, die Künstliche Intelligenz sicht- und greifbar macht, das so akute wie ungreifbare Thema in ein well-made Play integriert. Moritz Rinke war zu Beginn des Jahrhunderts ein führender Dramatiker, der auch vor Gesellschafts-Komödien nicht zurückschreckte. Doch in den letzten Jahren ist es im Theater still um ihn geworden; zuletzt hatte er vor fast zehn Jahren mit „Westend“ einen Abgesang auf die westliche Welt versucht. Nun hat Rinke mit „Sophia oder das Ende der Humanisten“ diese melancholische Verlustanzeige einer alten Welt fortgesetzt – und mit einer Komödie um die Künstliche Intelligenz verbunden.
KI in persona
Der Coup des Stücks ist die gar nicht so theaterkünstliche, sondern in der Realität anstehende Idee, aus der KI eine künstliche, menschlich erscheinende Figur zu machen. Sophia ist ein Roboter mit Schnittstelle zur Bedienungs-App am Handgelenk. Potenziell changiert sie zwischen Wikipedia-kundigem, freundlich-besserwisserischem Gesprächspartner, organisatorischem Alltagsplaner, Haushaltshilfe, digitaler Manipulatorin und Sexdienstleisterin.
Schauplatz des Geschehens ist in idealer Komödienmanier einheitlich der Salon in der Wohnung des Altertumsforschers Wolfgang. Der Professor feiert seinen 60. Geburtstag, vielmehr will er ihn eigentlich nicht feiern. Doch seine Tochter, die Influencerin Helena und ihr Freund Jonas tauchen unangemeldet auf, sie wollen die neue Partnerin kennenlernen, nachdem Gattin Marianne vor einiger Zeit ausgezogen war.
In der Inszenierung am Berliner Renaissance Theater spielt Joachim Król den etwas griesgrämigen Büchermenschen, der sich neu orientiert hat. Denn die neue Partnerin, die nach einem Kurzschluss im eleganten und doch irgendwie überdimensionierten Wohnzimmer (Bühne: Momme Röhrbein) auftaucht, ist eine vor wenigen Wochen eingetroffene künstliche Frau. Kathatrine Mehrling spielt sie in Bewegungen und Sprachduktur unverkennbar eckig und doch menschlich wirkend. Nach Helenas (Christin Nichols) empörtem Einwand gleicht sie unverkennbar der Mutter in jüngeren Jahren.
In witzigem Pointen-Pingpong werden die zahlreichen Motive des Stücks – Familiendrama, misanthroper Mann, Beziehungsprobleme der jüngeren Generation, kultureller Verfall und last but not least der Einfluss von Technik auf unser Leben – angerissen. Joachim Król gibt (seltsamerweise) anfangs den weltabweisenden Bücherwurm, um nach Sophias Erscheinen Begeisterung für die neue mehr oder weniger zwischenmenschliche Situation zu entwickeln. Helenas Freund Jonas (Tanju Bilir) ist passenderweise ITler und nimmt ein paar Einstellungsänderungen an Sophia vor, was in die KI-Katstrophe führen muss. Sophia entdeckt die Erotik und persönlichen Freiheitsdrang, leiht ungefragt den Saab Wolfgangs aus und geht im Internet auf großzügige Einkaufstouren. Das Drama nimmt Fahrt auf, auch wenn am Ende die Explosion ausbleibt, das Problem gutbürgerlich wieder „beerdigt“ wird.
Ende einer Beziehung: Humanoide Sophia (Katherina Mehrling) und Altertumsforscher Hermann (Joachim Król): Foto: Mirjam Knickriem
Während Tanju Bilir in der eher undankbaren Rolle des unscheinbaren Freundes selbst blass bleibt, gelingt Christin Nichols in der Szene von „Frau zu Frau“ mit Katharine Mehrling ein spannender Wandel von Ablehnung zu sympathetischem Verständnis. Joachim Króls Rolle des weltabgewandtem Althistorikers leidet ein wenig unter der Ungefährheit seiner breiten Gesellschaftskritik. Schillernd wird seine Figur im Kontakt mit dem fremden, zugleich vertraut wirkenden neuen Wesen und in seiner Begrenztheit als schlauer und zugleich vielfach versagender Vater und Ehemann. Die Paraderolle hat zweifellos Katherine Mehrling. Sie spielt ihre Un-Figur genussvoll aus. Die Ambivalenzen einer zunehmend selbstbewussten menschlichen Maschine loten Regisseur Guntbert Warns und die Hauptdarstellerin nicht in allen Facetten aus, doch umweht sie bis zum Schluss ein Hauch von Einsamkeit.
Wer ist die echte Frau?
Dass das Stück an der Oberfläche des Themas bleiben muss, ist für ein Konversationsstück systembedingt. Ein boulevardeskes Familiendrama kann Folgen der Digitalisierung unseres Lebens nur anschneiden. Die allgemeinmenschliche Neigung die KI mit anthropomorphen Eigenschaften zu verbinden – die Rinke virtuos einsetzt –, geht an der mathematischen Natur dieser Technik nun einmal grundsätzlich vorbei.
Die Sexualisierung von Körperbildern durch Roboter und digitale Räume wird allerdings durchaus zum Thema. Zu Beginn in launigem Dialog zwischen Helena und Sophia: Kann man mit Ihnen Geschlechtsverkehr haben? – Dieser Inhalt verstößt möglicherweise gegen Nutzungsrichtlinien. Wie auch später in kritischen Fragen bei einem Ausbruch Sophias: Warum ist digitaler Fortschritt wichtiger als Menschenwürde?… Wie soll ich das bitte mit meiner Intelligenz aushalten?
Am Ende wird das zunehmend unkontrollierbare Gerät zurückgeschickt, Sophia muss in den Karton alias Sarg. Ehefrau Marianne erscheint, abgesehen vom Kleid (Kostüme: Ariane Warns) ähnelt sie verdächtig der vergangenen Sophia. Wer ist Fake, wer echt? Die Stärken der Inszenierung liegen im Ausspielen pointenreicher Situationen, wenn etwa die Sprachauswahl der Humanoiden durcheinandergerät.
Als kompakte Komödie über ein schwer fassbares und ungemein dringliches Thema funktionieren Stück und Berliner Inszenierung blendend – der Kritiker war in einer begeistert aufgenommenen Repertoire-Aufführung in der ersten Aufführungswoche. In der kommenden Spielzeit dürften zahlreiche Neuinszenierungen folgen.