(v. l.) Hannah Sophie Schad, Paul Schaeffer, Jörg Pauly und Stefan Müller-Doriat stehen in einer Reihe, einander zugewandt und diskutieren.

Scotland Yard im Nebel

Axel Preuß: Der Hexer

Theater:Schauspielbühnen Stuttgart, Premiere:13.03.2026Vorlage:Der HexerAutor(in) der Vorlage:Edgar WallaceRegie:Eva HosemannKomponist(in):Denis Fischer

Eva Hosemann inszeniert für die Schauspielbühnen Stuttgart „Der Hexer“ von Axel Preuß. Seine Bühnenfassung des Krimis von Edgar Wallace begeistert mit britischem Charme und Frauenrollen mit Durchschlagskraft.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Krimis von Edgar Wallace und anderen ihr Publikum aufrührten und die Straßen leerfegten. Vor hundert Jahren – 1926 – wurde „Der Hexer“ als Theaterstück uraufgeführt, ein Jahr zuvor als Roman veröffentlicht. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die Krimis von Edgar Wallace zu einem großen Filmerfolg. Diese Filme prägen weiterhin das Bildmaterial dieses Genres. Wie aber dann heute mit den Krimiverfilmungen aus den sechziger Jahren umgehen? In seiner Bearbeitung vom „Hexer“ am Alten Schauspielhaus Stuttgart betont Axel Preuß zwei Themen: Femizid und Selbstjustiz bzw. Rache.

Dazu baut der Bearbeiter die Personenbeziehungen um. Die verarmte Adelige Mary Elizabeth Langley hat enge Beziehungen zu Gwenda Milton, die als Tote in der Themse schwimmt. Sie war beim Rechtsanwalt Maurice Messer, von Ralph Hönicke aasig ausgespielt, angestellt. Der allerdings agiert zwar äußerst erfolgreich, macht dabei zwielichtige Geschäfte – bei denen Scotland Yard hilflos zusehen muss. Mehr noch: Gwenda Milton ist eine Verwandte des „Hexers“, der zwar bei einem Unfall in Australien umgekommen sein soll, aber doch lebt. Er, der sich unter einer Vielzahl von Masken verbirgt, ist bekannt dafür, dass er seine Morde verübt, um Recht durchzusetzen. Die Spannung ist hoch angesetzt: Gelingt es Scotland Yard, den Schurken Messer zu schützen?

Very British in Stuttgart

Eva Hosemann interessiert sich in ihrer Inszenierung am Alten Schauspielhaus Stuttgart nicht sonderlich für die von Axel Preuß gesetzten Themen. Statt sich auf den Femizid zu konzentrieren, lässt sie sich lieber auf Reproduktionen eines überlebten Milieus ein: Very British in den Grautönen eines ewigen Nebels, allerdings ohne Tea, dafür mit Cognac, den Messer herunterstürzt. Mit viel Bühnennebel, Projektionen und einer Drehbühne mit wechselnden Kulissen (Bühne und Kostüme: Steven Koop) wird der Schwarzweißfilm von 1964 beschworen – als ironisches Zitat. Nur, dass sich die Ironie nicht einstellen will, weil Eva Hosemann über den Historizismus hinaus wenig erzählt.

Paul Schaeffer, Jörg Pauly, Bernadette Hug und Marc-Philipp Kochendörfer stehen vor einer Wand mit dunkel ausgeleuchteten Fenstern und einem Schreibtisch. Alle schauen links nach vorn.

(v. l.) Paul Schaeffer, Jörg Pauly, Bernadette Hug und Marc-Philipp Kochendörfer. Foto: Tobias Metz

Wenn nicht tolle Schauspieler auf der Bühne stehen würden. Allen voran Ralph Hönicke als Rechtsanwalt Messer, der in seinem kleinen Bezirk Deptford herrscht, auf seiner Orgel spielt, nie die Bücher seiner Bibliothek berührt: kurz der Herrscher in seinem Bereich über alle Diebe und Mörder. Hönicke spielt diesen Messer furchtlos, nicht einmal, dass der Hexer vielleicht in seiner Nähe sein könnte, jagt ihm Schrecken ein. Er kann sich sicher fühlen, weil ihn Scotland Yard beschützt, obwohl der gentlemanlike Alan Higgs von Jörg Pauly oder der dröge agierende Chefinspektor Drake (Paul Schaeffer) kaum Sicherheit ausstrahlen. Vom anderen Kaliber ist der Polizeiarzt Dr. Vesby, gespielt von Marc-Philipp Kochendörfer, der verschmitzt und welterfahren das Geschehen eher distanziert beobachtet.

Männerriege aufmischen

Die Männer erscheinen in dieser Inszenierung klischeehaft, wie der hackenschlagende Sergeant von Stefan Müller-Doriat, der auch den Bruder von Lizzy spielt, oder Butler Samuel, dem Gideon Rapp zwielichtige Züge gibt. Stark sind in dieser Aufführung die Frauen. Hannah Sophie Schad als Lizzy Langley wirbelt die Männerriege von Scotland Yard heftig durcheinander: Sie glaubt an das Recht und drängt auf seine Durchsetzbarkeit mit frischem, überwältigendem Charme. Bernadette Hug als die Frau des Hexers, die sich mit einem Lied (Text und Musik: Denis Fischer) einführt, legt ihre Rolle überzeugend als grande dame an. Sie sieht amüsiert zu, wie die Männer um sie herum agieren, und mischt sie kräftig auf, bis sie am Ende selbst eingreift und dem Hexer die Flucht ermöglicht.

„Der Hexer“ ist in Kooperation mit den „Stuttgarter Kriminächten“, zu deren 17. Eröffnung die Premiere stattfand, und den Burgfestspielen Jagsthausen entstanden. Dort kann man die Produktion ab Juni 2026 als Freilicht-Spektakel anschauen.