Mit brillanter Sprachkunst und höchster Konzentration gestaltet Schneider ihren anspruchsvollen Part, der gefühlte hundert Prozent des Textes umfasst – fein differenziert, was Lautstärke, Sprechtempo, Klang und Ausdruckskraft betrifft. Sie hat nur wegen des Geldes und seines herrlichen Ferienhauses am Meer einen vermögenden „Gusswerk“-Besitzer geheiratet und sich, aus kleinen Verhältnissen kommend, eine aufgesetzte Großbürgerlichkeit zugelegt. „Gusswerk“ ist das einzige Wort ihrer endlosen Sprach-Kaskade, das sie liebevoll ausspricht, ja mit geradezu erotischem Genuss artikuliert. Sonst klingt alles nach Hass und Verachtung, vor allem die spöttisch wiederholte Lieblingsfloskel ihres Gatten: „Ende gut, alles gut“.
Doch nichts ist am Ende gut, nur geographisch gelangt man im 2.Akt zu dritt ans Ziel. Die Tochter wird auch im Strandhaus nicht nur verbal gedemütigt und gequält. Will sie sich mit Hilfe des jetzt anwesenden Theater-Autors von der Mutter emanzipieren? Immerhin scheint der Ton ihrer minimalistischen Entgegnungen auf deren herrische Befehle nun von aufmüpfiger Qualität. Jedenfalls projizieren die Damen auf den Nachwuchs-Schriftsteller ihre geheimsten Sehnsüchte. Den gibt Paul Schaeffer als bramarbasierenden Intellektuellen, der mit gewagten Theorien attackiert und sportivem Charme beeindruckt. Doch der Titel seines Erfolgs-Schauspiels „Rette sich, wer kann!“ deutet sinnfällig den tatsächlichen Zustand der Dreier-Beziehungskiste. Mit ihrer Egomanie („Ich habe meine Tochter für mich auf die Welt gebracht!“) und ihrer Häme (heutiges Theater ist Dreck auf der Bühne) vernichtet die Mutter, vom ständigen Griff nach der Cognac-Karaffe beflügelt, erhoffte Abenteuer der galanten Art.
Bernhards Zynismen und die inhuman instrumentalisierende Behandlung seiner namenlosen, auf der Bühne im Tübinger Zimmertheater stil- und pointensicher platzierten Protagonisten, werden vom Publikum goutiert und mit Humor ertragen. Denn sie sind von befreiender Selbstironie unterfüttert.
