Familiengemetzel vor Chor

Entgeisterte Atriden?

Nach Aischylos: Die Orestie

Theater:Schauspiel Köln, Premiere:07.03.2026Regie:Adena Jacobs

Die australische Regisseurin Adena Jacobs inszeniert am Schauspiel Köln eine „Orestie“ mit dem Fokus auf die Frauen des Atriden-Hauses. Die Mischung aus Dekonstruktion und traditionellen Theaterelementen verlangt dem Publikum einiges ab.

Nach etwa zwei Stunden sitzt Klytaimnestra (Anja Laïs), die Mörderin des Gatten und vom eigenen Sohn Ermordete, alleine auf dem Bühnenpodest. Zweimal nimmt sie das Gespräch mit der vom Ehemann Agamemnon – zu Beginn der Familiengemetzel – ermordeten Tochter Iphigenie (Louisa Becks Stimme) auf: Hörst du mich? – Ich bin da.

Die australische Regisseurin Adena Jacobs hat bereits in Wien und London inszeniert, nun erstmals in Deutschland. Ihre „Orestie“ am Schauspiel Köln nutzt die Breite des Depots 1 für eine überwiegend dunkle (Lightdesign: Jan Steinfatt) Bühnenlandschaft zwischen Gerichtsbänken und archaischer Felslandschaft (Bühne und Kostüm: Eugyeene Teh). Im Zentrum steht ein breites Podest, unter dem Gestorbene (Kassandra: Claude De Demo) oder Ausgeschlossene (Elektra: Sarah Sandeh) liegen.

Frauen der Familientragödie

Die Botenworte des Wartens auf Nachricht vom (siegreichen) Ende des Trojanischen Krieges spricht Elektra. Die gesamte Trilogie ist von Jacobs auf die Familientragödie konzentriert, vor allem auf die abwesende Iphigenie, die im Chor von Julia Schubert jedoch indirekt präsent scheint. Andererseits bringt die Inszenierung die Frauenschicksale, auch mit dem Bewegungschor von zehn Tänzerinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln in einen femininen Fokus. Und wird damit ein komplexes Konstrukt, das dem Publikum über 140 pausenlose Minuten viele Anknüpfungspunkte anbietet, dabei aber weniger die Geschichte nacherzählt. (Felix Krakau hat das in der vergangenen Spielzeit klar, doch wenig vieldimensional bei seiner „Orestie“ am Schauspiel Essen gezeigt.) Vielmehr wird hier mit dem Motiv der Geister gespielt, werden vom Chor Bilder gestellt und in Bewegung gebracht.

Klytaimnestra (Anja Laïs), Chor (Julia Schubert) vor dem Bild der geopferten Iphigenie in Aulis. Foto: Birgit Hupfeld

Konzeptioneller Mittelpunkt der Inszenierung ist vielleicht das barocke Bild der Opferung von Iphigenie am Strand von Aulis, das an zentraler Stelle eingeblendet wird. Besonders im etwas langatmigen, in vielen Anläufen aufgenommenen – noch nach der oben beschriebenen Szene zwischen der verstorbenen Mutter und der zuvor getöteten Tochter – Finale wechseln sich eher konventionell anmutende Mittel mit Momenten, in denen das durchweg sehr präsent agierende Ensemble und die Tänzerinnen den Schmerz nicht nur ausdrücken, sondern gleichsam kritisch hinterfragen. Dabei helfen auch die sparsam eingesetzten Live-Videos (Videoart: Mario Simon, Eugyeene Teh). Eine der zahlreichen Finalszenen sind Live-Videos der Gesichter der Tänzerinnen – ohne Rolle, schlicht als junge Frauen. Anschließend tanzen sie im Kontrast dazu artifiziell, teils fast unbekleidet, eine Art „Sacre de l’Orestie“. Zuvor erinnerte der darstellerisch hervorragend eingebundene Chor wiederum an eine Chorus-Line (Choreografie: Melanie Lane); die Musik wirkt mit ihrem Dauersound (Komposition und Sounddesign: Max Lyandvert) filmisch-suggestiv.

Der Fokus auf die Frauen der Tragödientrilogie liegt durchaus im Trend. In der vergangenen Spielzeit war ebenfalls in Köln eine recht eindimensional mit dem Patriarchat umspringende Inszenierung zu sehen. Nun kommen Orest (Steffen Siegmund) und vor allen Dingen Agamemnon (Thomas Dannemann) zu differenzierten Rollen. Agamemnon als anfangs hochmütiger, dabei seine inneren Verletzungen nur mühsam verbergende Held, der seine Tochter auf dem Gewissen hat, ist ob ihrer Brüche die vielleicht spannendste Figur der Inszenierung. Dieser Machtmann schmeißt skrupellos den Frauenchor zu Boden, und ist doch ein schwer beschädigter Verbrecher, der über weite Strecken als Geist über die Bühne schleicht.

Disparate Inszenierung

Gerade Thomas Dannemanns Figur verbindet die Vergangenheit und Gegenwart der Familie als Leitmotiv dieser „Orestie“-Fassung (von Adena Jacobs, Alexander Kerlin und Aaron Orzech). Die feminine Infragestellung der Ordnung wirkt im Gegensatz zu dieser Männerrolle szenisch vergleichsweise unaufregend, obwohl Julia Schubert als kritisch nach Gerechtigkeit fragende Chor-Sprecherin unsichtbare Zügel in der Hand hält. „Wie geht Gerechtigkeit?“ ist ihre Leitfrage, um die herum die zwei Männer und die ins Todesspiel eingestiegene Klytaimnestra agieren.

Im traditionell schwierigen, uns in seiner archaischen Religiosität fremden zweiten Teil „Die Weihgußträgerinnen“ intoniert Schubert einen liturgischen Dauerton, Sarah Sandeh weidet ein Stofftier aus und würgt seine Innereien herunter – ein etwas krampfhaft archaisierender Moment. Der dritte Teil versteht sich laut Programmheft als „Ritual für die tote Iphigenie“ und findet dabei wie gesagt nur schwer ein Ende. Die Einsetzung der demokratischen Ordnung über die (weiblichen) Opfer hinweg, spielt in dieser „Orestie“ jedenfalls keine Rolle.

Der gemäßigt begeisterte Schlussapplaus deutet darauf hin, dass die Inszenierung bei allen Stärken viel vom Publikum verlangt und ihre zahlreichen Fäden nicht immer nachvollziehbar zusammenführt. Die Mittel der Inszenierung wirken teilweise konventionell, ergeben mit der ausgefeilten Technik und genauen Textbearbeitung eine hierzulande seltsam anmutende Mischung aus Entertainment und Dekonstruktion. Dadurch werden die Fragen an den Text in ihrer Radikalität etwas überlagert. Erneut – etwa nach dem Regiestart des Intendanten oder einem digital überladenen „Berlin Alexanderplatz“ – zeigt das Schauspiel Köln in dieser Spielzeit eine Premiere, die nicht restlos begeistert, aber bemerkenswert ist.