vier Darsteller:innen auf einer blau beleuchteten Bühne

Zwischen Fühlen und Definition

Phin Mindner: Historians say they were just friends. Eine Ode an Butches, Dykes, Femmes und Queers

Theater:Hessisches Landestheater Marburg, Premiere:28.02.2026 (UA)Regie:Phin Mindner

Das Recherchestück „Historians say they were just friends. Eine Ode an Butches, Dykes, Femmes und Queers“ am Hessischen Landestheater Marburg von Phin Mindner ist eine Einladung, in queere Lebensrealitäten einzutauchen. Einfühlsam packt die Collage aus Text, Musik und eingebautem Recherchematerial durch die Spielenergie des Ensembles.

„Ich glaub, ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin“, sagt Maine und überspielt dieses Problem lieber mit Humor. Unsicherheit, Sehnsucht, Ängste: Ein Zuviel zum Fühlen auf dem Weg von Selbstfindung, wenn die eigene Identität auf dem gesellschaftlichen Spektrum nicht so richtig vorkommt. Doch Mira, Evren und Fabi nehmen den Auftrag an, wollen Maine helfen. Wie das geht? Am besten mit einer Geschichte. Also machen sie sich auf in den Kampf gegen einen undurchdringbaren Nebel und in gemeinsame Erfahrungen ihrer Freund:innenschaft.

Phin Mindner hat einen Theaterabend inszeniert, der sich als Recherchearbeit entlang queer-lesbischer Lebensrealitäten und Beziehungskonzepte versteht. Eine Einladung, zuzuhören und einzutauchen in die Welt von Butches (maskuline Geschlechtsrepresäntation oder -identität), Dykes (Begriff für lesbische Person) und Femmes (weibliche Geschlechtsrepräsentation oder -identität).

Energetische Ensemble

Das vierköpfige Ensemble spielt im Kleinen Tasch des Hessischen Landestheaters Marburg auf einer hellblauen, dreieckigen Bühne. Die Möbel darauf sind auf Bühnenelemente aufgemalt – Couch, Couchtisch in der gemeinsamen WG, eine Dyke Box (Juke Box) und ein Spielautomat für die Lesbenbar –, die sich variabel verschieben lassen. Es ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Comic-Collage-Effekt, der schnelle Ortswechsel zulässt und fantasievolle Möglichkeitsräume öffnet.

Vier Darsteller*innen auf einer Bühne, zwei im Vordergrund sitzend, zwei im Hintergrund auf einer Bank

Jasper Middendorf, Tobias Neumann, Mia Wiederstein, Oska Melina Borcherding. Foto: Jan Bosch

Maine wird von Oska Melina Borcherding gespielt. Längere monologische Passagen trägt er mit einer Intensität vor, die einen inneren Kampf fühlbar machen. Und als Evren (Mia Wiederstein) in die Vollen geht und vorschlägt, den Kampf um die Identität endlich anzugehen, kann sie Mira (Jasper Middendorf spielt verständnisvoll und unterstützend mit starker Präsenz), Fabi (Tobias Neumann als Landkarten-Nerd) und auch den zögerlichen Maine bald überzeugen.

Mindner verantwortet in der Uraufführung Text, Regie, Bühne und Kostüme, verbaut in den geschützten vier Wänden der WG nicht nur Maines Selbstsuche, sondern die gegenseitige Loyalität der Vier. In den Text eingebettet sind Passagen aus Leslie Feinbergs Buch „Stone Butch Blues“ von 1993. Feinberg, Autorin und queer Aktivistin, schreibt in dem Roman über Butch Jess und wie sie die Welt der Lesbenbars kennenlernt, sich dort aufgehoben und aufgefangen fühlt. Immer wieder sprechen Maine und Mia Passagen aus dem Buch, ein Ausdruck von Sehnsucht, nach einem Lebensvorbild.

Verständnis stärken

Der Text liest sich als Annäherung und den Versuch, eine eigene Sprache für eine nicht-binäre Welt zu finden, zwischen Definieren und Fühlen die Wirklichkeit mit zu formen. Dafür schafft Mindner einen Fantasie-Realitäts-Raum mit viel Zweifeln, aber auch Empowerment, ohne Zeigefingertheater zu sein. Der Collage-Abend aus Text, Spiel, Musikeinschüben mit Lip Sync-Einlagen à la Drag-Show von „Lay all your love on me“ von Abba bis Miley Cyrus‘ „Wrecking Ball“ läßt Raum zum Atmen. Nicht alle mithin cringen Momente sind verständlich, aber darum geht es auch nicht unbedingt. Oder eben doch: Um das Zulassen von Unklarem. Der durchgehende Empowerment-Song schlechthin ist Kate Bushs „Running up that hill“, der gerade durch die Sci-Fi-Serie „Stranger Things“ eine schöne Assoziation für Mut und einen Glauben an grenzansprengende Kräfte aufmacht.

Nach erfolgreichem Abenteuer durch Lesbenbar und Monster-Nebel, in denen sich das Ensemble mit mehreren Kostümwechseln  zu schwarz gekleideten Fetisch-Queer-Kämpfer:innen morpht, werden schließlich verschiedene Stimmaufnahmen eingespielt. Stimmen alter und jüngerer Menschen über queer-lesbische Erfahrungen, Herausforderungen und Fortschritte. Der Abend endet mit einem Gedanken, an queere Identitäts-Findung als Recherche- und Archivarbeit mit der Einladung, im Anschluss in den Austausch zu kommen, eigene Erfahrungen zu teilen. Es ist ein einfühlsamer Abend, der das Publikum zum Mitfiebern einlädt.