Links im Hintergrund steht Margaret, Hopes junge Nachbarin und stemmt die Hände in die Hüften.. Hope steht vorne rechts und schaut niedergeschlagen zu Boden.

Musical-Flucht mit Corinna Harfouch

Noah Haidle: Spirit and the Dust

Theater:Deutsches Theater Berlin, Premiere:27.02.2026 (UA)Regie:Anna BergmannKomponist(in):Hannes Gwisdek

Deutsches Theater Berlin: Anna Bergmann bringt Noah Haidles „Spirit and the Dust“ zur Uraufführung. Ein Stück über das Leben nach dem Verlust des eigenen Kindes.

Dass mit dieser Frau irgendetwas nicht stimmt, wird schon in Szene 1 deutlich. Die Immobilienmaklerin Hope steht in einem quietschrosa Mantel in einer Neubauküche und beschwört mit großen Worten den Schutz vor der bösen Außenwelt, den nur die eigenen vier Wände bieten können: „In der ersten Szene der Welt schuf Gott genügend Raum für unser Dasein. Den einzig richtigen Ort für ihn und uns und alles. Ein Zuhause. Die Küche ist die Mittelachse, um die sich ein Haushalt dreht. Und da jeder Ort ein eigenständiges Zentrum des Universums ist, ist die Küche in jedem Zuhause der Fixpunkt, um den sich alles andere im Universum dreht.“

Die Trauer um die Tochter ist zu groß

Corinna Harfouch spielt die inzwischen alleinstehende Frau, deren Ehe nach dem Badeunfall der vierjährigen Tochter schnell in die Brüche gegangen ist, ausgesprochen exzentrisch. Und die Regisseurin Anna Bergmann setzt noch eins drauf, indem sie dieser Hope auf der Bühne eine Musical-Fantasiewelt schafft, in die sie sich immer dann flüchtet, wenn der Schmerz zu groß wird. Dann tanzt das ganze Ensemble, hübsch choreografiert, zu pinkem Licht durch das zweigeschossige Haus mit den vielen kleinen Zimmern und mimt die heile Welt. Eine Welt vor 20 Jahren, als Hopes Tochter noch am Leben war und mit ihrem Regenschirm zu „Singing in the Rain“ tanzte.

„Spirit and the Dust“ heißt dieses neue Stück von Noah Haidle und ist nun, wie schon der Vorgänger „Birthday Candles“, am Deutschen Theater in Berlin mit Starbesetzung herausgekommen. Noah Haidle ist in den USA ein berühmter Drehbuchautor und Dramatiker. Aber auch in Deutschland sind seine tragikomischen Stücke inzwischen häufig im Theater zu sehen. Vor allem die Regisseurin Anna Bergmann liebt sie und führt nun zum dritten Mal eines auf. Diesmal ist es sogar die weltweite Uraufführung.

Fragen um Schuld und Verantwortung

Die Hauptfigur: Hope. Ihr Fluch und Segen zugleich ist eine beängstigend gute Beobachtungsgabe, gelernt in der harten Lebensschule. Als ein Paar zur Hausbesichtigung erscheint, sieht sie der jungen Frau sofort an, dass sie schwanger ist und ihren Verlobten nicht liebt. Einmal ausgesprochen nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die junge Frau trennt sich, verliert das Baby. Der Ex-Verlobte setzt sich eine Überdosis. Umso schlimmer, dass Hope mit dessen Vater gerade eine zarte Liebesbeziehung begonnen hatte. Denn als der von Hopes Einmischung erfährt, stellt auch er wieder die Frage nach Schuld und Verantwortung. Alexander Khuon spielt diesen frühpensionierten Lateinlehrer mit einer schönen Tragikomik.

Surreale Überhöhung mit Musical-Einlagen

Doch Anna Bergmann will den psychologischen Realismus und die gut gemeinten Poesiealbum-Verse, die das Stück beblümen, unbedingt surreal überhöhen. Nicht nur mit Musical-Einlagen, sondern auch mit leicht verkitschten Wellen-und-Wolken-Projektionen, mit überdimensionierten Spielzeugfiguren, die wie Erinnerungsfetzen durch die Küche spazieren. Und vor allem mit der gigantischen verwitterten Micky Mouse, die auf der zweiten Seite der Drehbühne neben dem alten Pool, dem Unglücksort, wacht. Ihr großer Kopf mit den Mäuseohren liegt symbolträchtig im Wasser (Bühne: Kathrin Frosch).

Die Bühne ist in düsteres Licht getaucht. Eine Person steht breitbeinig auf der Rechten Seite. Dahinter links liegt ein überdimensionaler Mickey Mouse-Kopf.

Auf der Bühne liegt ein überdimensionaler Mickey-Mouse-Kopf. Foto: Eike Walkenhorst

All das überkünstelte Brimborium verstellt allerdings eher den Zugang zu den Figuren. Schon klar, dass Anna Bergmann dem betulichen Ton des Stücks ausweichen will. Doch ihre Inszenierungsideen lassen auf den großen Knall, die Erlösung, warten, die in Haidles dahinplätscherndem Stück allerdings ausbleibt.

Herzerwärmend: Wiebke Mollenhauer und Frieder Langenberger

Es sind vor allem die jungen Schauspieler:innen, die aus der ästhetischen Erstarrung führen und das Herz erwärmen. Frieder Langenberger und Wiebke Mollenhauer etwa werden mit viel Witz und Charme nach einer Schlägerei zum denkbar ungleichen Paar.

Inhaltlich hat Bergmann vieles umgestellt und weggelassen. Hier steht ganz der Verlust des eigenen Kindes im Zentrum, weniger die universellen Lebensfragen. Als sei es ein Suspense-Krimi, darf Corinna Harfouch hier erst ganz am Ende hoch emotional auflösen, wie genau ihre Tochter und der gleichaltrige Nachbarsjunge im Gartenpool ums Leben gekommen sind. Das ist dann doch ein wenig zu viel Tatort-Feeling. Wie die Inszenierung ihre Figuren ohnehin zu sehr im überhöhten Form-Konzept erstarren lässt. Das ist bei einem Stück über die großen Menschheitsfragen kein guter Befund.