Foto: Ein Berg von Lautsprechern. © Thomas Aurin
Text:Violetta Zwick, am 29. November 2025
Das Schauspielhaus Hamburg bringt Walter Moers Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ in einer Bühnenfassung von Sybille Meier, Anna Veress und Daniel Neumann zur Uraufführung. Die Inszenierung von Viktor Bodó begeistert mit einem spielfreudigen Ensemble und einer fantasievollen Bühne.
Der 2004 erschienene und mehrfach ausgezeichnete Fantasy-Jugendroman von Walter Moers ist Teil seiner Zamonien-Reihe, bei der der fiktive Kontinent als Protagonist im Zentrum der Erzählungen steht. In dem hier inszenierten Teil tauchen wir ein in die Stadt Buchhaim, die sich wie eine Liebeserklärung an Bücher, das Lesen, Schriftsteller:innentum und vor allem die Fantasie liest. Dieser Prämisse ist die Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg treu geblieben. Der große Bühnenraum gleicht einer altbackenen Bibliothek, in der sich Bücher über Bücher in hohen, wild angeordneten, dunklen Holzregalen auftürmen und Treppen, Leitern und Emporen den Überfluss an Literatur begehbar machen (Bühne: Zita Schnábel).
Und dazwischen der Held der Geschichte: Hildegunst von Mythenmetz – ein Bücherwurm, wie er im Buche steht. Nach dem Tod seines Dichtpatens Danzelot von Silberdrechsel vermacht dieser ihm ein geheimnisvolles Manuskript, das so großartig ist, dass Hildegunst den unbekannten Autor ausfindig machen und von ihm das Schreiben lernen will. Er selbst möchte nämlich unbedingt Schriftsteller werden!
Fantastische Bewohner:innen Buchhaims
Die Suche führt ihn in die fantastische Stadt Buchhaim, wo ihm die absurdesten Wesen und Figuren begegnen. Der schrullige Bibliothekar, die Schreckse Inazea Anazazi, die neben ihrer Vorliebe für Schreckensliteratur über hellseherische Fähigkeiten verfügt, der Bücherjäger Rongkong Coma sowie die Eydeete Dr. Hachmed Ben Kibitzer, die aufgrund ihrer drei Gehirne natürlich auf wissenschaftliche Sachbücher spezialisiert ist. All diese Figuren sind mit wahnsinniger Liebe zum Detail und aufwendigen Kostümen (Kostüme: Eszter Kálmán) wie aus einem Fantasy-Streifen entsprungen.

Jan-Peter Kampwirth und Ensemble bewegen sich durch die übergroße Bühnenbibliothek. Foto: Thomas Aurin
Mit großer Spielfreude schlüpft das Ensemble von einer fantastischen Figur in die nächste, begleitet von sechs Tänzer:innen, die das lebendige Bild Buchhaims noch erweitern. Immer wieder gibt das Ensemble fast musicalartige Gesangsnummern zum Besten, in denen sie ihre Rollen oder Motive augenzwinkernd vorstellen, was sich charmant in die ohnehin musikalische Gesamtkomposition einfügt. Denn musikalisch wird die Inszenierung fast durchgehend von fünf Live-Musiker:innen aus dem Orchestergraben unterlegt und sogar mit Soundeffekten angereichert. Das macht das ganze Erleben fast cinematisch (Musik: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gábor Keresztes).
Irritierend ist diesbezüglich allerdings eine kurze Sequenz, in der tatsächlich eine Exkursion in die Filmwelt gemacht wird: Mit Live-Kamera und Regie-Figur wird eine Filmset-Aufnahme imitiert und dadurch eine Meta-Ebene eröffnet, die zuvor und danach nie wieder aufgegriffen wird und die es nicht gebraucht hätte.
Literat:innen aufgepasst!
Alles steht unter dem Zeichen der geradezu überbrodelnden Fantasie. Und so ist sowohl die Buchvorlage als auch das Stück durchzogen von feinen Anspielungen und ironischen Spitzen auf den Literaturbetrieb. So etwa der krummbeinige Agent Claudio Harfenstock, der nur auf der Suche nach „erfolgreichen Nichtskönnern“ ist, da sich aus ihnen eben am meisten Geld machen lässt. Und auch die Figur des Kritikers kommt natürlich nicht ungeschoren davon: In einer zwielichtigen Seitengasse von Buchhaim kann man bei Laptanti-del Latuda (der eine Schredder-Maschine um den Hals trägt) einen Total-Verriss für die Werke von Konkurrent:innen in Auftrag geben.

Hildegunst von Mythenmetz (Jan-Peter Kampwirth) und Phistomefel Smeik (Ute Hannig) treffen aufeinander. Foto: Thomas Aurin
Der Antagonist des Helden, Phistomefel Smeik, wird als ein literarischer Autokrat gezeichnet, der alle wertvollen Bücher hortet und die Stadtbevölkerung in einer ökonomischen Abhängigkeit hält. Er will Ruhe und Ordnung und vor allem die politische Alleinherrschaft. Er will sich „befreien von der Hölle der Kunst“ und alle Bücher verbrennen. Eigentlich konträr zu dieser nicht mal subtilen Machtkritik ist allerdings der Geniekult, der in Buchhaim propagiert wird. Das Manuskript ohne Autor löst in fast allen Figuren eine Art kathartisch-ekstatisches Erlebnis aus, es ist „denken, dichten, schreiben in seiner reinsten Form“, und auch Hildegunst selbst wartet sehnsüchtig auf das große Orm, eine Art kreativen Rausch, eine Eingebung, durch die man als Autor Großartiges vollbringen kann.
Theatermagie und ein bisschen Kitsch
Mit großem Engagement, Begeisterung und ganz viel Theatermagie schaffen Viktor Bodó und sein Team es, eine fabelhaft-märchenhafte Welt auf der Bühne zu erschaffen. Das Publikum wird auf der Heldenreise immer wieder angesprochen, einbezogen und mitgenommen, was in einem Schauspielhaus-Rap samt Aufstehen und händewinkendem Mitwippen gipfelt. Am Ende zerfasert das Ganze etwas, was aber bei einer 400-seitigen Romanvorlage durchaus nachzusehen ist, und endet mit einem leicht kitschigen Musical-Schluss in tosendem Applaus.