Szene aus "Fabian"
Schauspiel,

Im Wartezustand

Erich Kästner: Fabian oder der Gang vor die Hunde

Theater:Schauspiel Stuttgart, Premiere:19.03.2022Regie:Viktor Bodó

„Fabian oder der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner ist 1931 erschienen. Nicht vollständig, sondern vom Verleger zensiert. Erst 2013 wurde der vollständige Originaltext veröffentlicht und inzwischen auch von Dominik Graf verfilmt. Fabian, Doktor der Literaturwissenschaft, angestellt als Werbetexter in Berlin, ist Beobachter des „Tanz auf dem Vulkan“ nahe am Ende der Weimarer Republik. Er amüsiert sich, aber er bleibt dabei teilnahmslos. Das ändert sich erst, als er sich in Cornelia verliebt. Aber diese verlässt ihn schon bald, um Filmstar zu werden. Zudem verliert er seinen Job.

Mehr noch aus der Bahn geworfen wird er durch den Selbstmord seines Freundes Labude, der den Sinn seines Lebens verloren hat: Dessen Fernfreundin in Hamburg hintergeht ihn und seine Habilitationsschrift über Lessing wird von der Fakultät abgelehnt. Das erweist sich zwar als „Scherz“ eines Assistenten, aber da ist Labude schon tot. Fabian zieht sich in seine Provinz zurück und ertrinkt, als er ein in den Fluss gefallenes Kind zu retten versucht: Er kann nicht schwimmen. Weshalb man über dem Portal des Stuttgarter Schauspiels zum Schluss lesen kann: „Lernt schwimmen“. So kann man die Satire des Moralisten Kästner natürlich auch interpretieren …

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Im multifunktionalen Bühnenbild von Juli Balázs, das mit seinen Säulen und Liften zugleich an ein Hotelfoyer wie an eine U-Bahn-Station erinnert, inszeniert Viktor Bodó mit einem sechzehnköpfigen Ensemble des Schauspiels Stuttgart eine fetzige Revue im Outfit der 30er-Jahre (Kostüme: Fruzsina Nagy). Die Handlung jagt vom „Institut für geistige Annäherung“ über das Mietzimmer, dem Büro bis hin zum Atelier der Bildhauerin Cornelia. Dazu werden Chansons im Stil der 20er-Jahre gesungen (Sounddesign: Gábor Keresztes). In diesen Milieus treten Sylvana Krappatsch, Gabriele Hintermaier oder Celina Rongen als Sängerinnen auf. Die Choreografien von Éva Duda zitieren dabei die großen Revuen der Weimarer Republik. Bild an Bild gereiht, die Drehbühne kreist, schöne Atmosphären entstehen.

Vom Revuetheater zur Gesellschaftsstudie

Und doch gibt es Leerlauf – zum einen, weil die Bilder sich erst voll decodieren lassen, wenn man den satirischen Roman von Kästner kennt, zum anderen aus einem strukturell-dramaturgischen Problem heraus: Wenn der Hauptheld passiv bleibt, müssen die Handlungsimpulse woanders hergeholt werden. Bodó versucht dieses Problem durch hohes Spieltempo, ständigen Bewegungen von Ensemble und Drehbühne und überraschenden Stilmitteln wie Schattenspiel zu lösen: mit Revuetheater.

Erst nach der Pause konzentriert sich die Inszenierung auf Geschichten von Menschen, verdichtet sich die Handlungen und erhalten die Figuren Konturen. Sobald Gábor Biedermann als Fabian auf seinen Gang in die Tiefe nicht mehr von einem Etablissement ins nächste stolpern muss, ohne dass diese Besuche etwas mit ihm machen, sondern er in der scheiternden Liebe zu Cornelia seinen Narzissmus überwindet, erhält sein Spiel psychologische Qualitäten.

Paula Skorupa spiel das Hin- und Hergerissensein ihrer Figur zwischen der Liebe zu Fabian und der Sehnsucht nach einer Filmkarriere anrührend, leidend, weil sie spürt, wie „Me Too“ sie immer mehr von Fabian wegtreibt – kurz: der Skorupa gelingt eine wundervolle Rollenstudie. Felix Strobel als Labude führt vor, wie ein junger Mensch öffentlich mit radikalen Ansichten agiert, im privaten Scheitern aber immer stärkere pathologische Haltungen entwickelt und daran zerbricht. Reinhard Mahlberg und Michael Stiller spielen die zumeist miesen Altherrenrollen, Josephine Köhler die männertolle Irene Moll, David Müller einen überkandidelten Conférencier.

Die Abgestumpftheit gegenüber der politischen Situation – Kästner erzählt durchaus von den Kämpfen zwischen den Kommunisten und den Nazis in Berlin – die Ablenkung in erotischen Ausschweifungen, die empfundene Leere in einem selbst spiegeln ein aktuelles Stimmungsbild. Kästner nennt es „Warten“ – im historischen Kontext die Erfahrung der Einberufung in den Ersten Weltkrieg, 1931 das nervöse Gefühl, es wird sich etwas ändern … und 2022? Dieses Gefühl des Wartens, gespeist von der Gewissheit, dass sich etwas in der Welt verändern muss, ist in der gegenwärtigen Gesellschaft wieder greifbar: Tanzen wir schon wieder auf dem Vulkan? Braucht es da den Hinweis auf die kürzliche Niederlage von Hertha gegenüber Union im Schlagzeilenpotpourri zu Beginn im Dunkel?