Dorothea Hartmann lächelnd (links) und Beate Heine (rechts) ganz in schwarz bekleidet, laufen frontal auf die Kamera zu, im Außengang des Staatstheater Wiesbaden.

„Man muss schon Lust haben, Probleme zu lösen“

Dorothea Hartmann und Beate Heine leiten als erste Doppelspitze das Wiesbadener Staatstheater: spartenübergreifend, ästhetisch bunt und mit feministischem Fokus. Die ersten Premieren machen große Lust auf mehr. Detlev Baur und Ulrike Kolter haben ihren Start begleitet.

Was ist unser Erbe?“ Vier Worte in grünen, lila, blauen und goldenen Lettern befragen uns vorn auf dem Spielzeitheft des Staatstheaters Wiesbaden. Ein Motto, das vieldeutiger nicht sein könnte, das einlädt zum gemeinsamen Erinnern, zu Visionen, aber auch zum Aufarbeiten von Vergangenem. Der Start von Dorothea Hartmann und Beate Heine als erste Intendantinnen des prunkvollen Wiesbadener Staatstheaters, eines der größten Mehrspartentheater des Landes, spiegelt sich in diesen vier Worten mehr, als man zunächst ahnt.

Läuft man vom Wiesbadener Hauptbahnhof die Wilhelmstraße hinauf, vorbei an Prunkbauten des 19. Jahrhunderts und eleganten Parkanlagen bis zum Staatstheater, wird der Begriff „Erbe“ schon mal augenfällig. Doch die vermeintlich reiche Stadt ist heterogener, als man meinen könnte, beherbergt gut 40 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Um ein Gespür für die Stadtgesellschaft zu kriegen, haben Hartmann und Heine ihre knapp zweijährige Vorbereitungszeit genutzt und nahezu alle zwei Wochen Wiesbadener:innen getroffen: Kulturinstitutionen, Kirchenvertreter, Lehrende, Jugendliche. Auszugsweise sind diese Gespräche dokumentiert im Spielzeitbuch – und sie vermitteln große Neugier aneinander: Wie wollen wir hier gemeinsam leben, welche Geschichten erzählen, wie in den Dialog finden?

Endlich ein Neustart!

Innerhalb des Theaters war die kommunikative Herausforderung für Dorothea Hartmann und Beate Heine zum Start noch eine ganz andere: Beide haben ein Haus übernommen, das ihr Vorgänger Uwe Eric Laufenberg nach internen (und medial ausufernden) Querelen im Januar 2024 vorzeitig verlassen musste. Entsprechend schlecht war die Stimmung: „Das ganze Haus war polarisiert. Wir wussten, dass wir die Menschen wieder zueinanderführen müssen, eine konstruktive Atmosphäre schaffen. Gleichzeitig wollten wir nach außen gehen und zeigen, dass wir doch hier sind, um Kunst zu machen“, so Beate Heine. Insofern bot dieses schwierige Erbe auch Aufwind, erinnert sich Dorothea Hartmann: „Viele aus dem Haus und der Stadt kamen zu uns: ,Macht es bitte anders! Wie gut, dass es endlich einen Neustart gibt!‘“ Und dieser Neustart wurde mit sieben Premieren in allen Sparten an einem Wochenende im September fett und euphorisch gefeiert.

Das Gebäude des Staatstheater Wiesbaden seitlich fotografiert aus Richtung des Kurparks. Vor dem Gebäude eine Statue.

Staatstheater Wiesbaden am Kurpark. Foto: Eike Walkenhorst

Nachdem im Foyer an einer langen „Weltuntergangstafel“ üppige Torten geteilt wurden, gab es Ligetis schwer verdauliche Anti-Oper „Le Grand Macabre“ zu konsumieren, inszeniert von Pınar Karabulut. Doch es wurde ein Genuss, ein sehr tänzerischer, schrill-bunter Spaß, an dem Generalmusikdirektor Leo McFall seinen Einstand unter erschwerten Bedingungen geben durfte – im Raumkonzept von Jo Schramm mit dem Staatsorchester auf der Hinterbühne und den Soli auf einem Bühnenrund davor.

Auch die Tanzperformance „Habitat“ von Doris Uhlich am Abend zuvor bot pralle, nicht ganz alltägliche Ästhetik in Form von vielfältigen nackten Körpern, die sich von draußen nach drinnen erst das benachbarte Kurhaus, dann das Theater eroberten. Vom erwarteten Skandal blieben eher intime Momente zwischen Publikum und Darsteller:innen, kontrastiv eingebettet in das unfassbar schöne Prunkfoyer des Staatstheaters.

„Double Serpent” von Sam Max am Staatstheater Wiesbaden. In dämmerigen Licht sitzt ein Mann auf einem Bettgestell, neben ihm liegt ein Mann mit seinem Kopf auf seinem Schoß. Im Hintergrund steht ein Mann und schaut nach unten. Dahinter ist eine große Fensterfront.

„Double Serpent” von Sam Max mit (von links) Lasse Boje Haye Weber, Timur Frey und hinten Jonas Grundner-Culemann. Foto: Thomas Aurin

Große Spannweite im Schauspiel

Über dieses Foyer führt eine unscheinbare Öffnung in den nüchternen Anbau des Kleinen Hauses (samt Studiobühne im Keller). Hier ist regulär der Spielort des Schauspiels. Das begann die Saison mit einem rein weiblichen Ensemble – für männliche Performer blieb die Rolle eines begleitenden Balletts. Pierre Corneilles hierzulande eher unbekannte Komödie „Spiel der Illusionen“ wurde von Christina Rast als spritzige Revue dargeboten, so leicht wie dramaturgisch genau.

In Live-Außenvideos nähern sich vom Theatervorplatz Zauberin und Vater dem in die Theaterwelt verschlagenen verlorenen Sohn im Kleinen Haus an. Die Darstellerinnen treten im Verwirrspiel um den Wert von Zauber und um eine kaputte Familie voller Freude an der Verwandlung auf. Rast und dem brillanten Frauenensemble gelingt Unterhaltungstheater im Geiste Brechts. Diese Spielzeiteröffnung im Kleinen Haus vermittelt die freudige Botschaft, dass der Glaube ans Theater die Welt besser machen kann: Auch ein geköpfter Mensch hat hier noch eine Zukunft – und die Männer trippeln dazu im Tutu.

Reine Männersache

Die beiden folgenden Premieren im Schauspiel waren hingegen darstellerisch reine Männersache. In der Thomas-Bernhard-Dramatisierung „Alte Meister“ ging das Theater ins nahe Landesmuseum, die Integration des Sängers Sam Park erweiterte die Grenzen der Künste zusätzlich. In Amalia Starikows Regie gelang eine schöne Promenadenperformance über alte abendländische Kultur und elitäre Befindlichkeiten eines so großmäuligen wie dünnhäutigen Kunstexperten. Schließlich inszenierte Ersan Mondtag im Kleinen Haus die Dystopie „Double Serpent“ von Sam Max als Uraufführung. Das poetisch-grausige Stück bietet schweren Tobak um Traumata aus der Kindheit der Hauptfigur, um Masochismus und sexuelle Gewalt. Der aus Berlin stammende Regisseur, ein Horrorspezialist, schafft in Alexander Naumanns Bühne mit einem präzise agierenden Ensemble eine faszinierende Gruselshow. Die Darsteller um Timur Yann Frey agieren tänzerisch-opernhaft zur durchkomponierten Musik von Benedikt Brachtel. „Double Serpent“ ist großstädtisches Theater und bietet thematisch wie ästhetisch die größte Herausforderung fürs Wiesbadener Schauspielpublikum.

Die „Woyzeck“-Inszenierung im Großen Haus zeigt den schweren Klassiker des fast heimatlichen hessischen Dichters Georg Büchner mit musikalischer Wucht. Sie nutzt zudem filmische Effekte wie einen animierten Dichter. Dieser „Woyzeck“ kommt nicht nur durch den Steg ins Parkett dem Publikum entgegen. Stefan Pucher ist ebenfalls ein in Wiesbaden neuer, renommierter Regisseur, der sonst eher in Großstädten inszeniert. Eine andere ästhetische Farbe bringt schließlich das dokumentarische Theater „Unser Erbe: Tax me if you can“ von Helge Schmidt (FAUST-Preisträger 2019) und Team ins Repertoire. Das Publikum im Kleinen Haus war sichtlich animiert von Themen wie Ungerechtigkeit bei der Erbschaftssteuer und Umgang mit Reichtum. Mit einem ästhetisch weit gestreuten Programm bietet das Schauspiel nicht nur eine bunte, sondern auch eine dramaturgisch kluge Mischung. Dabei wirkt das teils neue Ensemble sehr vielversprechend und offen für Grenzüberschreitungen.

Dorothea Hartmann und Beate Heine schneiden mit einem großen Messer eine sechsstöckige bunte Torte an, an der Wunderkrzen brennen. Drumherum stehen viele Menschen, die mit ihren Smartphones filmen und fotografieren.

Tortenanschnitt beim Eröffnungswochenende. Foto: Francesco Futterer

Gedritteltes Großraumbüro fürs Duo

„Uns ist ein größtmögliches Angebot wichtig, ein Spielen mit dem, was uns Theater heute in allen Sparten zur Verfügung stellt“, so Dorothea Hartmann. Funktionieren dürfte dieses spartenübergreifende Denken als Doppelspitze, weil beide künstlerische Expertisen teilen, länger schon mit Künstler:innen arbeiten, die beide Sparten bedienen wie Ersan Mondtag oder Pınar Karabulut. Heine gibt zwar zu: „Dispositorisch ist es eine Herausforderung, die Sparten zusammenzubringen, aber wir wünschen uns, dass dadurch die Ensembles zusammenwachsen.“ Dass sich Heine und Hartmann gemeinsam beworben haben auf eine Teamintendanz-Stelle, ist da nur konsequent.

Und wie funktioniert es, gemeinsam gut 650 Mitarbeitende zu führen? Das große Intendanzbüro wurde aufgeteilt in zwei Räume plus einen kleinen Besprechungsraum: „So ist ein enger Austausch möglich, auch zu ökonomischen Entscheidungen. Wo es schnell gehen muss, entscheidet man allein und die großen Dinge gemeinsam. – Uns ist wichtig, dass wir beide Intendantinnen für das gesamte Haus sind und große Fragen zusammen entscheiden!“, betont Dorothea Hartmann, die zuvor im Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin war. Als Künstlerische Leiterin hat sie die dortige Spielstätte Tischlerei geprägt, zeitgenössisches und experimentelles Musiktheater gefördert. Auch Beate Heine kommt aus Theatermetropolen, war zuletzt Chefdramaturgin und Stellvertretende Intendantin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, zuvor mit gleicher Aufgabe am Schauspiel Köln.

Tanzspektakel „Habitat” von Doris Uhlich am Staatstheater Wiesbaden. Im prunkvollen Foyer säumen den Treppenaufgang nackte Körper, manche Menschen sitzen im Rollstuhl und tragen schwarze Knieschoner, sie halten sich an den Händen.

Tanzspektakel „Habitat” von Doris Uhlich am Staatstheater Wiesbaden. Foto: Eike Walkenhorst

Nun leiten sie ein Fünfspartentheater mit vier Bühnen, die theoretisch alle parallel bespielbar sind: Großes Haus, Kleines Haus, Studio und die externe Spielstätte Wartburg fürs JUST (das Junge Staatstheater). Dazu kommen die Maifestspiele und die Wiesbaden Biennale, zwei Festivals, auf die sich beide besonders freuen. In der übrigen Saison verantwortet Hartmann Musiktheater und Konzert, beide gemeinsam das JUST und Heine das Schauspiel und den Tanz. Hier übrigens sind wir beim Thema Kontinuität angelangt: Das Hessische Staatsballett bleibt unter Leitung von Bruno Heynderickx als gemeinsame Tanzcompagnie des Staatstheaters Wiesbaden und des Staatstheaters Darmstadt erhalten, man freut sich, die gute Entwicklung gemeinsam fortsetzen zu können.

Kontinuität im Tanz, Spannendes Musiktheaterensemble

Nach dem Gastspiel „Habitat“ am Eröffnungswochenende war die erste Tanz-Neuproduktion „Broken Bob“ mit Choreografien von Xie Xin und der jüngst mit dem FAUST-Preis geehrten Geschwister Imre & Marne van Opstal. Neben der Ballettcompagnie sind auch die übrigen Kollektive nicht komplett neu, das Schauspiel ist erweitert, und das JUST unter Leitung von Emel Aydoğdu und Anne Tysiak hat ein eigenes Ensemble bekommen.

Weltuntergangs-Musiktheater „Le Grand Macabre” von György Ligeti am Staatstheater Wiesbaden. Ein Mann in einem rosa-lila-farbenen Ganzkörperanzug liegt in einem silberglänzenden Spiraltunnel.

Weltuntergangs-Musiktheater „Le Grand Macabre” von György Ligeti, hier mit Seth Carico als Nekrotzar. Foto: Sandra Then

Auffällig ist das gewachsene internationale Opernensemble mit betörenden jungen Stimmen, die Dorothea Hartmann quer um den Globus über Stipendiatenprogramme und Vorsingen an der Met und in Australien gefunden hat. Nicht nur in der Eröffnungspremiere „Le Grand Macabre“ überzeugen sie – neben hochkarätigen Gästen wie Seth Carico als Nekrotzar. Auch im kammermusikalischen Performanceabend „Salon Strozzi“, der auf der Hinterbühne das Leben der Barockkomponistin Barbara Strozzi verhandelt, führen uns sechs von ihnen in sattgelben Kleidern moderierend und singend durch einen gelungenen Abend. Inszeniert von Maëlle Dequiedt und dirigiert vom Hannoveraner Kantor und Alte-Musik-Experten Christian Rohrbach werden feministische Perspektiven aufs Künstlerdasein verhandelt, die musikalischen Nummern sind eingebunden in kurze Moderationen, Sprachspiele und szenische Miniaturen – humorvoll und großartig musiziert.

Angestrebte Vielfalt

Der Musiktheater-Spielplan bietet jene von Hartmann und Heine angestrebte Vielfalt: Zeitgenössisches von György Ligeti neben „Tosca“, dem „Fliegenden Holländer“, der Kinohit „Fack ju Göhte“ kommt als Musical-Uraufführung fürs junge Publikum ins JUSM (Junge Staatsmusical) und Haydns „Schöpfung“ als szenisches Oratorium, inszeniert von Franziska Angerer als „Schöpfung zum Mitmachen“ über die Frage, wie mit der Klimakrise umgegangen werden kann. Dass der produktionsbegleitende Komposthaufen unweit des Schillerdenkmals wachsen darf, hat die Stadt nach einigem Hin und Her dann doch genehmigt.

Bleibt zu hoffen, dass Publikum und Doppelspitze in dieser so vielversprechend begonnenen Saison weiter zusammenfinden. Die Finanzlage in Hessen scheint vorerst stabil, doch eine genaue Zahl, welches budgetäre Defizit vom Vorgänger vererbt wird, gibt es noch nicht. „Man muss schon Lust haben, Probleme zu lösen…“, schmunzelt Beate Heine, „und natürlich, Dinge zu gestalten!“, ergänzt Dorothea Hartmann. Selbst im Schlusswort: nach vorn gewandte Einigkeit.

Dorothea Hartmann (l.) und Beate Heine (r.) im Malsaal des Staatstheater Wiesbaden. Weiße Flächen auf dem Boden und an der Decke hängende Gemälde im Hintergrund.

Dorothea Hartmann (l.) und Beate Heine (r.) im Malsaal des Staatstheater Wiesbaden. Foto: OSTKREUZ/Annette Hauschild

Dorothea Hartmann studierte Musik, Germanistik und Theaterwissenschaften. Als Opern- und Konzertdramaturgin arbeitete sie am Nationaltheater Mannheim, Landestheater Linz und der Staatsoper Hannover. Von 2012 bis 2024 gehörte sie zum Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin, wo sie als Künstlerische Leiterin die Tischlerei als eine der wichtigsten Plattformen für neue Formen des Musiktheaters etablierte. Sie arbeitet als Librettistin und Jurorin, u. a. für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST.

Beate Heine studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Romanistik und arbeitete zunächst als Journalistin und Autorin. Als Dramaturgin wirkte sie u. a. an der Volksbühne Berlin sowie an der Schaubühne. Chefdramaturgiestellen hatte sie am Staatstheater Hannover und am Thalia Theater in Hamburg. Als stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin war sie am Schauspiel Köln und zuletzt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg tätig.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2025.