Auflockern des Klassikers des 20. Jahrhunderts
Beim Wiederlesen des Suhrkamp Taschenbuchs Nummer 1 fallen die peinlich genauen Regieanweisungen auf. Samuel Beckett schrieb diesen modernen Klassiker 1948, nach seiner Uraufführung 1953 folgten zahlreiche Inszenierungen. 1975 inszenierte es der Autor selbst am Berliner Schiller Theater. Schockierend wirkt „Warten auf Godot“ nicht mehr, weil wir uns in metaphysischer Unbehaustheit , wie sie Estragon und Wladimir zu schaffen macht, seit Jahrzehnten eingerichtet haben. Dabei spiegeln die Dialoge aus heutiger Sicht auch eine weinerliche Männerwelt, die aufgrund der strengen Aufführungsvorgaben des 1989 verstorbenen Dichters etwa in der Besetzung nicht gebrochen werden kann.
In Claudia Bauers Inszenierung am Münchner Residenztheater erscheint immer wieder ein Avatar des irischen Dichters, der mit leichtem Akzent die heiligen Regieanweisungen verkündet, zu Beginn typisch genau in seiner Unbestimmtheit: „Landstraße. Ein Baum. Abend.“ Doch zunächst sehen wir im Live-Film, im Stil früher Farbfilme, Max Rothbart und Florian von Manteuffl in einer Garderobe. Hier beenden sie das Spiel nach knapp drei Stunden auch wieder. Durch diese vielfachen Rahmungen schickt die Inszenierung – soweit das angesichts der strengen Spielregeln des Autors möglich ist – das Spiel vom Warten in eine Zeitschleife, spiegelt und bricht die historische Bedeutung des Stücks.
Schöner Rhythmus der Ödnis
Und sie setzt damit alle möglichen Anflüge von Schwere in Anführungszeichen. Rhythmus schafft neben den genau einstudierten Bewegungen und Dialogen der Protagonisten auf einer drehbaren Schräge (Bühne: Andreas Auerbach) das begleitende Trio mit Eugen Agzijan (Cello), Michael Gumpinger (Klavier/Synthesizer) und David Pätsch (Schlagzeug/Percussion). Wie Marionetten zappeln die zwei Männer in gräulichen Anzügen und schwarzen Melonen (Kostüme: Vanessa Rust), tänzeln sie im Rhythmus der Musik wie Federn im Wind das rituelle Warten. Sie üben sich sachte im heraufschauenden Hund und erinnern an Jugendliche mit AHDS.
Dieses Ausspielen der komischen Warterei gelingt ebenso überzeugend, wie Michael Goldberg erfolgreich als seniler Befehlsgeber Pozzo an einen greisen Macho-Präsidenten dieser Tage erinnert oder Lukas Rüppel spannend in dem ihm verordneten „Tanz“ durch sexuelle Andeutungen Machtgrenzen austestet.
Am Ende des virtuosen Spiels bleibt aber doch die Frage, wo die Anknüpfungspunkte von „Warten auf Godot“ auf die aus den Fugen geratene Gegenwart liegen. In der „Valentinade“ am Residenztheater ist Claudia Bauer bewundernswert der Zeittransfer von Karl Valentins skurriler, anarchischer Klugheit in die Gegenwart gelungen. Becketts Clowns wirken hingegen doch eher wie Unterhaltungskünstler aus einer Kunstwelt. Und toxische Männlichkeit, wie sich in der Figur Pozzo angedeutet ist, wird am selben Haus derzeit in der Shakespeare-Umschreibung „Sankt Falstaff“ deutlich griffiger spielerisch umkreist.
Bei ihren beiden Abgängen, vor der Pause und vor dem Schluss, markieren die drei nun maskierten Musiker den Jungen, während seine Stimme künstlich erzeugt erklingt. Die ewige Wiederholung des Unbegreiflichen nutzt Claudia Bauer für einen feinen Abend, der sich irgendwie im Sinne des übermächtigen Autors ein wenig in die Länge zieht.
