Die Stimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen Lears und andere Texte über menschliche Schuld am vergifteten Klima oder persönliche Schuld bei brutalen Massenerschießungen; sie sind dabei jedoch nur ein Teil eines apokalyptischen Requiems, in dem die Titelfigur Lear, sein einsames Sterben, seine Wut und seine Verzweiflung, die ihn mit einem zerstörerischen Sturm verbindet, auch nur einen Bestandteil im Gesamtszenario darstellt. Die Bilder und Töne sind überwältigend und „verpulvern“ damit die Texte Shakespeares – wie auch die von Wolfram Lotz. Cordelia Wege spaziert recht kurz zu den wunderbar melancholisch-komischen Versen über die fernen und so gewöhnlichen Politiker vor dem Reichstag und schwimmt im Regierungsviertel durch die Spree. Die an der früheren Theaterfassung so gelobte Sprachkraft des Finales wird hier sozusagen freigiebig verschenkt. Und doch ist auch dies sinnvoll; denn Lotz‘ Verse lassen sich gut auf Youtube nachhören. Hier sind sie aber nur ein Beitrag eines überwältigenden Gesamtkunstwerks. Zuweilen kommt einem die Inszenierung humorlos verzweifelnd vor, doch im Ausflug zur real existierenden Politik und im kurzen Gastauftritt von Ben Hartmann als Entertainer im Krankenzimmer mit seinem Liedchen „Ich bleiben, wo ich nie gewesen bin,“ wird auch die teutonische Verzweiflung gebrochen.
Dieser „Lear“ ist Live-Theater, vor allem aber ist er als digitales Theater, vielleicht mehr noch als der zum Theatertreffen eingeladene „Zauberberg“ Hartmanns, ein Referenzwerk. Die digitalen Möglichkeiten sind hier basierend auf einer Bühneninszenierung kreativ genutzt. Die Pandemie, die unser aller Leben verändert und Menschen getötet, die den Theaterbetrieb zu einer kranken Station transformiert hat, gibt Hartmanns assoziativem Zugriff auf den Klassiker eine neue Bedeutung und Kraft – und zeigt, wie dramaturgisch angemessen sein Ansatz vor zwei Jahren schon war, als er eine kranke Welt vor dem Hintergrund des Greises Lear spiegelte. (Auch Stephan Kimmig hat vor einigen Jahren in „Unterwerfung“ nach Houllebecq die abendländische Gesellschaft als Krankenhauszimmer inszeniert.)
Erst ganz am Schluss kommt Farbe ins Bild vor dem Mühlen- oder Fortuna-Rad auf der Bühne (vom Regisseur entworfen), das immer wieder zuvor schon hinter den wandelnden oder im Krankenhausbett liegenden Menschen hineingeschnitten war. Nicht jedes Bild oder jede Formulierung erschließt sich gleich, Überforderung ist Teil des rauschhaften Tableaus aus Ton und bewegten Bildern.
Ungewiss ist bei all dem Aufwand und der Bespielung zahlreicher Räume und Gänge des Deutschen Theaters, ob weitere Termine für einen Live-Stream möglich sind. Wäre da nicht eine Wiederholung der Ausstrahlung vom 1. Mai eine legitime Möglichkeit, dieses digitale Theater für mehr Menschen zugänglich zu machen? Gerade derzeit sollten viele Interessierte die Chance haben, wirkliches Gegenwartstheater zu sehen – jenseits verunglückter halbsatirischer Videos oder medialer Debatten über die Zustände in den Theatern.
