Die Gegensätze erfüllen aber auch eine dramaturgische Funktion – gerade was die Interaktion mit der Fakriktopografie anbetrifft. Mögen sich die Tänzer durchaus noch zum hier noch im vergangenen Jahrhundert spürbaren Maschinenpuls bewegen, so erscheinen doch die Orchestermitglieder wie Fremdkörper. Hochkultur meets Arbeiterrevier. Dieser Widerspruch trifft eine wichtige Aussage über das Theater an sich: Obwohl an diesem Abend gut verträgliche Spielplanhäppchen geliefert werden, sollen Schauspielerei, Oper und Konzert kein Konsumtempel sein. Bühnenkunst versteht sich ganz grundsätzlich als Ort der Widersprüche, wo Spannungen ausgetragen werden. Die „Völklinger Hütte“ fungiert also nicht nur als netter Hintergrund, sondern erweist sich als Energiezentrum für eine selbstbewusste Performance, die sich in Coronazeiten lobenswerterweise nicht weiter zurückzieht.
Im Gegenteil: Man gewährt reichlich Einblick in die bevorstehenden Herbstaufführungen des Schauspiels. So etwa mit Szenen aus dem in der Sparte 4 geplanten 2-Personen-Drama „Gespräch mit einer Stripperin“ oder dem fragmentarischen Arrangement „Glück“. Befragt werden in dieser Zusammenstellung loser Texte, beispielsweise aus den Arbeiten von Brecht bis Kricheldorf, Sinn und Unsinn der spätmodernen Gier nach der Ressource Glück. Ob es tatsächlich einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Pandemiedepression weisen kann, wie uns sicherlich bald schon wieder neue Ratgeberbücher suggerieren dürften, wird sich spätestens bei der Premiere zeigen. Vielversprechend dürfte das ebenso in Auszügen dargestellte Werk „Die Politiker“ sein. Die titelgebenden Protagonisten stehen in einer Mediengesellschaft, die interaktive Dauerpräsenz und eine unstillbare Zirkulation von Information und Sensation einfordert, verstärkt im Fokus der Berichterstattung. Wolfgang Lotz‘ Annäherung an die viel gescholtene Spezies der politischen Repräsentanten verhandelt die Sehnsucht nach Authentizität inmitten einer künstlichen Welt. Wo gibt es noch Wahrheit bei so viel Selbstinszenierung, lautet eine der zentralen Fragen des Werks.
Obschon die Kompilation der szenischen Miniaturen in Völklingen ein wenig beliebig ausfällt und von bei der Kuratierung eine bessere zeitliche Abstimmung wünschenswert gewesen wäre, belegt der Auftakt in der Hüttenstadt eine wiedergewonnene und wohltuende Souveränität des Theaters an der Saar. Es deutet mit seiner gesamten Anstrengung schon vor der ersten Herbstpremiere an: Dem Virus will man mit Innovation begegnen. Recht so, denn das ist die einzige und zweifelsohne klügste Option.
