Die hier gespielte französische Originalfassung dieses immer wieder überarbeiteten Werkes, das vor allem durch Maria Callas (in der italienischen Bearbeitung von Vito Frazzi und Tullio Serafin) bekannt wurde, folgt ja dem Modell der Opéra-comique. Anstelle der Zwischentexte, die in dieser Opernform die musikalischen Nummern dramatisch verbinden, hört man hier aber immer wieder Médées verzweifelte Anrufe, die die Kinder sehen will, die ihr Kommen ankündigt, die als Fremde am Flughafen aufgehalten wird. Erst da, wo man ihr die Kinder wieder zuführt (2. Akt, nach der Arie der Néris), taucht sie wieder leibhaftig in Salzburgs feiner Gesellschaft auf. Das ist natürlich in François-Benoît Hoffmanns Libretto völlig anders. Hier trifft sie bereits im 1. Akt am korinthischen Königshof ein und trägt alle Konflikte in unmittelbarer Interaktion mit Créon, Jason oder Néris aus. Und Cherubins Musik braucht diese Unmittelbarkeit. Sie ist Theatermusik par excellence, die ihre ganze Motivation aus dem dramatischen Aufeinandertreffen der Charaktere bezieht. Damit weiß Stone aber überhaupt nichts anzufangen. Seine ganze Inszenierung legt es geradezu systematisch darauf an, der Musik ihre dramaturgische Grundlage zu entziehen.
Ob das auch der Grund dafür ist, dass es Thomas Hengelbrock nicht gelingt, dieser Musik auf die Sprünge zu helfen? Er dirigiert straff, mit einer überpointierten Akzentuierung, die hier aber nur wie ein pauschaler Abglanz historischer Musikzierpraxis über dem Werk liegt. Es gibt keinen gemeinsamen Atem, keinen natürlichen Drive, ja, im Detail wirkt der Orchesterklang teils vernuschelt, es fehlt der Feinschliff. Immerhin hört man ganz gute Sänger – oder hört sie auch mal nicht, wenn das Orchester sie übertönt. Vor allem an Elena Stikhinas warm und klar timbrierter, in der Höhe lupenrein leuchtender Médée hat man viel Freude. Und auch Rosa Feolas schlanke, subtil geführte, manchmal leicht scharfe Dircé hört man gern. Pavel Černochs Jason dagegen klingt eng und teils belegt, der Wohlklang von Vitalij Kowaljows Créon bleibt pauschal. Dass die schöne Arie der Néris in Alisa Kolosovas Interpretation wirkungslos verpufft, liegt vermutlich auch daran, dass Simon Stones eigenwillige Dramaturgie sie zum Monolog umfunktioniert hat.
Und Stones Neuinterpretation der Titelheldin als einer Fremden, die in die feine Gesellschaft eingeheiratet hat – als Nobelgattin mit Migrationshintergrund sozusagen? Der Gedanke ist ja keineswegs neu. Aber er bleibt bei Stone ohne jede psychische oder soziale Entwicklung, allein schon aufgrund seiner durchschlagend unbeholfenen Personenführung. Die Vermischung von privatem Ehedrama und politischem Migrationsmotiv kommt über die bloße Kolportage nie hinaus, die am Ende im Klischee landet: Nach dem Messermord an Dircé und Créon flieht Médée mit dem Auto zu einer einsamen Tankstelle, wo sie mit dem gezückten Tankstutzen eine ganze Volksmasse samt Feuerwehr und Polizei in Schach hält und schließlich sich selbst, die Kinder und das Auto abfackelt. Da hat sich Simon Stone dann endgültig in vordergründiger Effekthascherei verzettelt. Und das Publikum applaudiert begeistert.
