Dass die eine Geschichte rückwärts läuft und es um ein und dasselbe Leben gehen könnte, wird sich nicht jedem Zuschauer erschlossen haben, spielt vielleicht auch nicht die entscheidende Rolle. Problematischer ist, dass die von filmischen Stimmen oder pathetischen antiken Philosophen geäußerten Weisheiten über die Relativität des Lebens arg pathetisch bis platt vereinfachend daherkommen. „Die Parallelwelt“ rettet sich allerdings auch in witzige Szenen, die das arg ambitionierte Konzept mit Leben, Theaterleben anfüllen.
Der Höhepunkt der Inszenierung ist die zentrale Szene, wenn hier wie dort der Hochzeitstag durch die auf dem Fernsehbildschirm der Partylocation zu sehende Parallelhochzeit am anderen Ort gesprengt wird. Während in Dortmund Bettina Lieder eher resigniert auf die Erkenntnis reagiert, dass sie so einzigartig nicht ist, spielt sich in Berlin Annika Meier in einen Furor, der auch in Dortmund noch bestens ankommt, ja zu Szenenapplaus führt. Hier können sich die Schauspieler, auch da sie hier ins Publikum hinein agieren können, intensiv in die installative Inszenierung einbringen. Die Doppelhochzeit bietet die Grundlage für nackten Theaterwahnsinn und verbindet das artifizielle Geschehen mit der Existenz der Darsteller. In der Folgeszene räsonieren Andreas Beck (Dortmund) und Oliver Kraushaar über das Aussteigen aus der eigenen „Vorstellung“ (im Hirn wie im Theater) und über die Qualität der lokalen Currywurst.
Mit Witz unterhält das komplexe Spiel und führt – natürlich in Dortmund- zu Standing Ovations. Assoziative Themen zwischen dem Menschen als Wurst und „panta rhei“, horrende Filmbilder, routiniert eingestreute Sounds und Bildanspielungen regen die Synapsen des parallelisierten Publikums an. Dennoch bleibt auch ein Gefühl der Leere: die Simultanaufführung kratzt vieles an, bleibt damit an der Oberfläche und lässt ein Gefühl der Sehnsucht nach realen Schauspielern zurück. Was das Zusammenspiel der beiden Theater anlangt, hat das Projekt dennoch Staunenswertes erreicht.
Um diesen ersten und einseitigen Blick zu überprüfen, folgt im November-Heft der DEUTSCHEN BÜHNE eine Kritik im Dialog mit meiner Berliner Kollegin Barbara Behrendt zu „Die Parallelwelt“.
