All das aber ist in eine herrlich phantasievolle und darüber hinaus Phantasie anregende Spielhandlung eingewoben: um einen jungen, zunächst halb-armen Erfinder-Witwer Caractacus Potts und seine beiden dennoch munteren Kinder, einen mit britischer Selbstironie militärisch-postkolonial auf Indien fixierten, aber auch herrlich trotteligen Großvater und das 1921 tatsächlich existierende Rennauto mit dem Musical-Namen; dazu stößt die kapriziöse Bonbon-Millionärstochter Truly als letztendliche Ersatzmutter – nach mal gruseligen, mal grotesken Abenteuern in „Vulgarien“, wo das kinder-hassende Herrscherpaar samt „Kinderfänger“ entlarvend albern auf Spielzeug fixiert ist und deshalb das Wunder-Auto durch ein Gangsterduo beschaffen lassen will… in Monty-Python-Manier… all das kann eigentlich nur der Film vorführen…
Im Prinzregententheater ist der hinreißende Gegenbeweis zu erleben. Schon eine Auswahl des überbordenden Theaterzaubers, der temporeich wie nebenbei servierten Gags und der typengenau mal ernsthaften, mal erfindungsreich schrägen Personenführung von Köpplingers Regie würde Seiten füllen: faszinierender Erfindungsreichtum, Theaterpreis-würdiges Handwerk! Ebenso Ricarda Ludigkeits amüsanter Bambusstangen-Tanz, ihre entlarvende „Männer-Bunnies-“ im Kontrast zur raffinierten Spieluhren-Choreografie! Dazu der rasante Bühnenbild- und Licht-Zauber des Teams Leikauf-Fehringer-Mayerhofer-Heidinger samt dem hochprofessionellen Technik-Team (am Schluss zurecht auf der Bühne), auch die vom Cinemascope-Kino-Vorspann bis zu bühnengroßen Fahrt-, Schwimm- und Flug-Simulationen perfekt passenden Videos des Teams Ebert-Kurig-Mahnecke: Tutti Bravi!
Die von der Regie-Sensibilität Köpplingers nie über-, aber staunenswert geforderten Kinderdarsteller Amelie Spielmann und Marinus Hohmann, Sigrid Hausers grandios grotesker Sex-Samba als Baronin von Vulgarien, Erwin Windeggers herrliche Baron-Trotteligkeit, das halbakrobatische, absurd komische Gangster-Duo David Jacobs und Hannes Muik, Peter Lesiaks hübsch jungmännlich unbeholfener Caractacus neben Nadine Zeintls eher unlyrischer Truly, dann eine Fülle von hochdifferenziert gezeichneten Nebenfiguren bis zum völlig vergreisten, trotteligen Erfinder-Sextett, das in Fußketten tanzt (!): Tutti Bravissimi! Sie alle bewiesen, dass ein deutsches Theater nicht hinter New Yorks Broadway oder Londons West End zurückstehen muss. Aller berechtigter Jubel wird ein Team leiden lassen: das Kartenbüro – die kommenden elf Aufführungen werden definitiv nicht reichen!
