Das sieht sehr gut aus. Licht (Joachim Grindel) und Nebel schaffen atmosphärisch dichte Bilder; der alte Araber, Fischhändlerin und Vogelhändlerin, der Kommissar und später Briefträger, der Mann mit dem Helm, der Akkordeonspieler, schließlich die mondäne Juliette, sie alle bilden ein pittoreskes, nach Otto-Dix-Manier schräge karikiertes Figurenkabinett. Und dass immer wieder erläuternde Texte, die im Libretto einzelnen Figuren zugeordnet sind, wie von einer externen „Spielleitung“ per Lautsprecher eingespielt werden, ist ein hübscher Coup. Doch die Interpretationsangebote dieser faszinierenden, viel zu selten gespielten Oper lässt das Regieteam liegen. Und das ist bei so einem Werk dann doch ein bisschen mager.
Dafür ist der Klangzauber, den die Bremer Philharmoniker unter dem Dirigenten Clemens Heil entfalten, beträchtlich. In ihrer Mischung aus tschechischem Idiom, altmeisterlicher Satzkunst und Adaption zeitgenössischer Musik von Debussy bis hin zum Chanson ist diese Musik stilistisch schwer zu fassen. Clemens Heil gelingt es vorzüglich, die ambivalenten Klang- und Ausdrucksvaleurs zu einem Kontinuum zu formen und Martinus Kunst des changierenden Übergangs wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Allerdings könnte man sich manches brillanter und agiler gespielt vorstellen.
Gesungen wird ausgezeichnet, allen voran der schlanke und klare Tenor Hyojong Kim als verliebter Michel mit lyrischer Legato-Kultur, dem auch beträchtliche Forte-Strahlkraft zur Verfügung steht. Nadja Stefanoff ist eine leuchtend vitale Juliette, beinahe ein bisschen zu stabil für diese Traumfrau. Im großen Ensemble bleiben Loren Lang (Mann mit Helm, Erinnerungsverkäufer, Sträfling), Christian Andreas Engelhardt (Kommissar/Briefträger, Beamter im Traumbüro), Christoph Heinrich (Alter Araber, Alter Mann, Alter Matrose) und Ulrike Mayer (Kleiner Araber, Handleser, Hotelboy) prägnant in Erinnerung. Und Marie-Elise Boyer hat als Pianistin in der Schenke von „Altvater Jugend“ einen virtuosen Auftritt. Am Ende begeisterter Applaus.
