Foto: David Butt Philip (Licinius) und Sonya Yoncheva (Julia). © Stephan Rabold
Text:Matthias Nöther, am 27. September 2026
Die Staatsoper unter den Linden bringt „La Vestale“ von Gaspare Spontini, dem ersten Generalmusikdirektor des Hauses, auf die Bühne. Dabei schafft die Inszenierung es nicht, an die Persönlichkeit der Musik und ihres Komponisten anzuknüpfen.
Es passt doch alles so gut. Weshalb also nicht „La Vestale“ von Gaspare Spontini an der Staatsoper spielen? Die Inszenierung von Lydia Steier ist eine Koproduktion der Opéra national de Paris – wo die Premiere bereits 2024 über die Bühne ging – und des Berliner Spitzenhauses Unter den Linden. Und auch das ist doch vermutlich bereits wegen der Passgenauigkeit dieses Stückes als französisch-deutsche Partnerschaft so eingefädelt worden – und weil man Geld sparen kann. Alles in Ordnung.
Zwischen Paris und Berlin
Und ist diese westeuropäische Opernachse Paris–Berlin nicht höchst lebendig? Nein, wir denken da jetzt mal nicht an Daniel Barenboim und seine künstlerischen und finanziellen Wünsche, die ihm einst Paris nicht erfüllen wollte, Berlin aber durchaus. Wir denken fest an Spontini und seine Priesterin. Denn sie ist mindestens genauso tief in die DNA der Staatsoper eingeschrieben und mit einer ähnlichen Tragweite.
„La Vestale“ lief unter dem deutschen Titel „Die Vestalin“ – und so kennen es erfahrene Musiktheater-Gängerinnen und -Gänger noch aus ihren alten Opernführern – in der Preußischen Hofoper von 1811 bis 1841 rund 70 Mal. Sie war nach dem Sieg über Napoleon offenbar sogar indirekt ein Wunschstück von Friedrich Wilhelm III. und führte zur Verpflichtung des erfolgsverwöhnten Gaspare Spontini von Paris nach Berlin: als erster Generalmusikdirektor der Preußischen Hofoper Unter den Linden. Der blieb er von 1820 bis 1841. Und die „Vestalin“ blieb mit ihm in Berlin. Aber im Wesentlichen eben auch nur so lange wie er. Sie war eng mit dem Charisma von Spontini verbunden. Das ist im Jahr 2026 ein Problem.
Es passt eben doch nicht alles so gut. Spontini muss ein willensstarker, mit hoher musikalischer Intuition begabter, intelligenter und seiner äußeren Erscheinung nach selbst äußerst bühnenwirksamer Dirigent, Komponist und Künstler gewesen sein. Das kann man sich nach drei Stunden „La Vestale“ live ziemlich gut vorstellen. Um es vorwegzunehmen: Die Musik ist nicht wirklich spannend. Bis auf zwei ausgedehnte Hornsoli und ein kleines Schicksalsmotiv im zweiten Akt, das offenbar der jüngere Richard Wagner für wert befand, sich mal vorsorglich zu notieren, hat man diese Musik eigentlich nach jedem Akt sofort vergessen. Spontini pflegt einen etwas preiswerten klassischen Stil, was aber bei so einer Wasserdampf-Komposition für die Theaterbühne seinerzeit in Ordnung ging. Solange Spontini selbst anwesend war.
Etwas holprig
Es spricht für den Theaterkomponisten Spontini, dass die Staatskapelle unter Leitung von Carlo Rizzi ungeachtet ihrer exorbitant hohen Spielkultur mit dieser Musik nicht immer sehr gut klarkommt, sondern partiell höchstens gut. Man hört unter den Hochdruck-Arien der Primadonna Sonya Yoncheva in der Titelpartie der Junior-Vestalin Julia zuweilen rasante orchestrale Tonleitern und Passagen, die so um einen Klecks nicht mit den Passagen des bulgarischen Stars zusammenpassen. Vielleicht kann sie wegen solchen minimalen Irritationen zwar dramatischen Gestus, aber nicht jene flirrenden stimmlichen Farben, für die sie berühmt ist, entfalten?

Marina Prudenskaya (La Grande Vestale) und Staatsopernchor. Foto: Stephan Rabold
Zugleich hat man den Eindruck, dass alles etwas zu langsam gespielt wird. Dass es so viele fixe kleine Noten gibt und dass es zugleich eigentlich noch schneller sein müsste. Obwohl das Orchester zuweilen schon nicht richtig ins von Rizzi angeordnete Tempo zu kommen scheint: Es spricht dafür, dass Spontini tatsächlich jener legendäre erste moderne Operndirigent (und Musiker-Schinder) war. Übrigens, wie gesagt: Spontini dirigierte bereits die gleichen Orchester, die zurzeit diese Produktion spielen. Diese musikalisch etwas uninteressante Partitur braucht offenbar Spontini-Charisma, und, zumindest bei der Berliner Premiere, scheint das Rizzi-Charisma und was daraus folgt da noch nicht zu reichen. Mal ein erstes Fazit: Auf den zweiten Blick passt dann eben doch nicht alles so gut. Wir wollen hier interessante Musik in einem interessanten Theater.
Interessantes Theater?
So halb. Ja, bei aller Standardisierung der französischen Opernstoffe zur Zeit Napoleons hat dieser Plot seinen individuellen Fingerabdruck. Der römische Offizier Licinius, respektabel gesungen vom Tenor David Butt Philip, kommt siegreich aus dem Krieg gegen die Gallier zurück. Seine einstige Verlobte Julia alias Yoncheva allerdings ist nun keusch als junge Priesterin der römischen Göttin Vesta unter der Knute der Oberpriesterin „La Grande Vestale“ unterwegs. Hier ragt die große Altistin Marina Prudenskaya als einzige wirklich aus dem darstellerischen Standardrepertoire modernen Regietheaters heraus, mit ihrer überzeugend gezeichneten Mischung zwischen religiösem Fanatismus und einem Hauch Menschlichkeit.
Der Clou: Der Sieg von Licinius gilt erst als vollständig, wenn er von den Händen der keuschen Jungpriesterin in einem offiziellen Akt im Tempel geweiht wurde. Aus dieser durchaus opernhaften, widerspruchsvollen Verschränkung von Privatem und unerbittlicher Staatsreligion kann man einiges machen. Lydia Steier versucht, es bleibt ihr auch kaum etwas anderes übrig, das staatstragende Heldentum zu dekonstruieren, macht Licinius zu einem traumatisierten Alkoholiker-Soldaten. Daraus folgen viele blutige Bilder einer Militärdiktatur: eine Siegerzeremonie mit gefangenen Gallierinnen in Käfigen, das Feuer im Tempel der Vesta als Bücherhaufen, aber noch keine eigene Geschichte.
Am Ende wird zum stummen musikalischen Abspann die religiöse Diktatur durch eine vollends militärische ersetzt, worin der Tenor Siyabonga Maqungo als einstiger Licinius-Vertrauter Cinna zum grausamen Wortführer wird. Das alles funktioniert als eigene, moderne Bühnenerzählung ganz gut. Aber es ist auch nur eine professionell gemachte Entschädigung dafür, dass es hier keinen Bezug von Bühnengeschehen zu einer über 200 Jahre alten Theatermusik gibt, welcher der charismatische Kern in Form der Komponistenpersönlichkeit abhandengekommen ist.