Foto: Das Ensemble des Jungen Staatsmusicals Wiesbaden in Tom Snows „Footloose“ © Folker Gratz
Text:Miguel Schneider, am 28. September 2026
Das Junge Staatsmusical zeigt im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden „Footloose“. Iris Limbarth inszeniert die Geschichte vom Tanzverbot in der amerikanischen Provinz temporeich und in liebevoller Ausstattung. Das Ensemble wächst im Laufe des Abends hörbar zusammen, nur die Hauptrolle wirkt nicht ganz glücklich besetzt.
Die Geschichte klingt ausgedacht und hat doch einen wahren Kern. In Elmore City, einem Ort in Oklahoma, war öffentliches Tanzen bis 1980 verboten, ehe sich ein Schuljahrgang seinen ersten Ball erstritt. Dean Pitchford machte daraus den Kinohit von 1984, die Bühnenfassung mit Musik von Tom Snow folgte 1998 am Broadway. Zu den stärksten Arbeiten der beiden zählt das Stück nicht, zumal Pitchford für den Titelsong von „Fame“ bereits einen Oscar gewonnen hatte. Das Buch, das er gemeinsam mit Walter Bobbie schrieb, setzt auf Klischees und überdrehte Figuren. Getragen wird das Musical von seinen Hits. „Let’s Hear It for the Boy“, die Ballade „Almost Paradise“ und allen voran der titelgebende Song „Footloose“ gehen sofort ins Ohr.

Tim Speckhardt als Ren McCormack in „Footloose“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Foto: Folker Gratz
Aus Elmore City wird auf der Bühne das fiktive Städtchen Bomont. Dorthin zieht der junge Ren McCormack mit seiner Mutter aus Chicago. Seit Reverend Shaw Moores Sohn auf dem Heimweg von einer Tanzveranstaltung tödlich verunglückte, ist Tanzen im Ort verboten. Ausgerechnet in Moores Tochter Ariel verliebt sich Ren und kämpft für einen Schulball. Hinter dem Aufbegehren der Jugend erzählt das Stück von einer Gemeinde, die in ihrer Trauer feststeckt.
Zwischen Motel und Kirchenkreuz
Für diese Gemeinde hat Britta Lammers eine Bühne gebaut, auf der es viel zu entdecken gibt. Über allem thront ein Stahlgerüst mit dem riesigen Ortsschild, darunter reihen sich Zapfsäule, Motelreklame und Diner-Schilder aneinander. Zu den aufwendigsten Requisiten gehört ein mit Flammen lackiertes Auto mit Nummernschild aus Utah, wo die Filmfassung gedreht wurde. Solche Details zeigen, mit wie viel Sorgfalt hier die amerikanische Provinz zitiert wird. Wer in diesem Ort das Sagen hat, verrät ein leuchtendes Kreuz über dem Gerüst. Die Kostüme von Heike Korn greifen diese Welt auf und füllen sie mit Leben. Lederjacken und Fransen prägen den Alltag der Jugendlichen, bis im Finale bunte Ballkleider sichtbar machen, dass Bomont wieder feiern darf.

Das Junge Staatsmusical in „Footloose“: (v. l. n. r.) Felipe Salazar, Denia Gilberg, Nis Hansen und Elia Justus Schreiber. Foto: Folker Gratz
Auch inszenatorisch hält der Abend das Tempo hoch. Regisseurin Iris Limbarth, die zugleich für die Choreografie verantwortlich ist, lässt die Bilder rasch und oft fließend ineinander übergehen, sodass kein Leerlauf entsteht. Choreografisch setzt sie keine neuen Maßstäbe. Die Tänze fügen sich jedoch gut in den Stil des Musicals und sind klug auf das junge Ensemble zugeschnitten, das die Schritte sicher beherrscht. Musikalisch steht die Produktion auf festem Grund, denn die Band unter der Leitung von Frank Bangert spielt auffallend sauber, fein aufeinander abgestimmt und mit hörbarer Freude.
Eine Frage der Besetzung
Lebendig wird die Handlung durch Figuren, die zwischen Freiheitsdrang und Beharren stehen. Hier zeigt die Besetzung ihre Stärken. Herausragend ist Denia Gilberg als Ariel. Die Pfarrerstochter rebelliert gegen die Enge ihres Elternhauses und sehnt sich zugleich nach der Aufmerksamkeit ihres Vaters. Gilberg verleiht ihr von Beginn an Trotz und Verletzlichkeit, gesanglich wie darstellerisch. Für Witz sorgt Jan Rieß als Willard Hewitt, Rens tollpatschiger Freund vom Land, der erst mühsam tanzen lernt und dem später der Hit „Let’s Hear It for the Boy“ gilt. Seine Figur ist ebenso überzeichnet wie die Szene zu „Holding Out for a Hero“, in der unter anderem die Helden Legolas und Superman auftauchen. Doch Rieß lockert auf, ohne den Handlungsfaden zu verlieren.
Mehr Anlauf braucht Dwayne Besier als Reverend Shaw Moore, der die Gemeinde mit strengen Predigten lenkt und dabei die eigene Familie aus dem Blick verliert. Im zweiten Teil findet er ganz in seine Rolle und macht glaubhaft, wie viel Schmerz hinter der Strenge steckt.

Leonie Willms als Ariels Freundin Rusty und Jan Rieß als Willard Hewitt. Foto: Folker Gratz
Im Zentrum aber steht Ren. Vom Vater verlassen und aus Chicago in die Provinz verschlagen, wird er in Bomont zum Wortführer der Jugend. Stimmlich überzeugt Tim Speckhardt als Ren, als rebellischer Neuankömmling jedoch nicht. Neben dem jugendlichen Ensemble nimmt man ihm den Schüler kaum ab. Dass er aus der Großstadt kommt, erzählen vor allem Hut, Sakko und Kapuzenpulli, kaum sein Spiel. So verliert der Gegensatz zwischen Metropole und Provinz an Schärfe und zwischen Ren und Ariel entsteht wenig von jener jungen Liebe, die im Stück für Aufbruch steht. Vieles davon fängt das Ensemble auf. In den großen Gruppennummern singt es geschlossen und überaus kraftvoll – genau mit der Energie, von der dieses Stück lebt.
Der Abend zeigt, weshalb das Junge Staatsmusical (eine Einrichtung, wie es sie an deutschen Theatern nur selten gibt) Anerkennung verdient. Seit 1987 stehen hier junge Leute unter professionellen Bedingungen auf der Bühne, mit allen Gewerken eines Staatstheaters im Rücken. Iris Limbarth leitet das frühere Jugendclubtheater seit 2000 und hat es zu einer überregional beachteten Talentschmiede gemacht. So bleibt eine gelungene Inszenierung, die den Nachwuchs ernst nimmt und dem Publikum sichtlich Freude bereitet.