Sie muss das aber vielleicht auch gar nicht, weil sie auch so faszinierend genug bleibt. Und man muss Crimps Verquickung von Mordgeschichte und Weltgeschichte auch nicht unbedingt gelungen finden. Aber wenn man dieses Werk inszeniert, sollte man sich damit auseinandersetzen. Und genau das hat jetzt das in letzter Zeit vielgelobte (und für seine „Madama Butterfly“ am Landestheater Coburg gerade eben für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominierte) Regie- und Ausstattungsduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka am Theater Bonn getan, wo der neue Intendant Bernhard Helmich in Kooperation mit dem Bonner Beethovenfest seine erste Spielzeit mit „Written on Skin“ eröffnete.
Das gewaltige Bühnenbild – eine diagonal fluchtende Felswand, an der das Zimmer des großmächtigen Protectors seltsam schief hängt wie ein Segment aus dem Rumpf eines gescheiterten Schiffes – kann man durchaus als Endzeit-Szenario lesen. Zu Beginn erwachen hoch droben hinter einer Reling die Engel in seltsamen weißen Gewändern, Schutzanzügen gleich oder Fantasy-Engelsroben. Das Spiel um das Schicksal eines Buchmalers, der beim Protector in Dienst tritt, um dessen vermeintliche Heldentaten in Buchmalereien zu verherrlichen, der dessen Frau aber in Liebe verfällt, dies in seinem Buch offenbart und dafür vom Protector ermordet wird: bei Szemerédy und Parditka wird sehr klar, dass die Engel diese Geschichte in Gang setzen, vielleicht um zu erforschen, wie es zu dieser trostlosen Endzeit gekommen ist. Mehr noch: indem sie immer wieder inszenierend und kommentierend eingreifen (der erste Engel spielt selbst den Buchmaler, der im Libretto nur The Boy heißt, Engel zwei und drei übernehmen die Nebenrollen von Marie und John), sorgen sie selbst für dieses böse Ende. Sind also die Menschen so böse, weil sie von bösen Engeln geleitet werden?
Das bleibt unklar. Aber durch diese Doppelperspektivik entsteht ein weites Feld von Assoziationsebenen, auf die Szemerédy und Parditka mit einer Vielzahl von faszinierenden Sinnbildern antworten. Da ist ein Lamm im Aquarium, das das Lamm Gottes sein könnte; ein Bogenschütze auf einem weißen Pferd gleicht einem apokalyptischen Reiter; Adam und Eva versuchen sich an einer neuen Schöpfung; Szenen von Gewalt, Sadismus und Unterdrückung begeben sich; Geschäftsreisende bevölkern die Bühne in sinnentleerter Hektik; der raubtierhaft patriarchalische Protector führt Agnès an einem Kettenhalsband – manchmal ist es des Bildertheaters ein bisschen arg viel. Aber die Assoziationen folgen durchaus den Bedeutungsspuren, die das Libretto legt.
Vor allem aber: In Bonn wird großartig musiziert und gesungen. Terry Wey gibt dem Jungen einen knabenhaft reinen, betörend klaren, wunderbar lyrisch geführten Countertenor mit ins Bühnenleben. Miriam Clark lässt das erwachende Begehren der Agnès in sinnlich schimmerndem Sopran-Timbre und vitalem Stimmstrahl Klang werden. Evez Abdulla ist als Protector ein Gewaltmensch von markiger Bariton-Schwärze. Die kleineren Partien sind mit Susanne Blattert und Tamás Tarjányi wahrlich nicht klein besetzt. Und das Beethovenorchester lässt unter Hendrik Vestmann, den 1974 in Tartu (Estland) geborenen neuen Chefdirigenten der Bonner Oper, den fein gearbeiteten Orchestersatz in aller Klangsinnlichkeit auferstehen.
Ein bisschen mehr konzeptionelle Stringenz im Szemerédy-Parditka-Bilderbuch wäre sicher nicht von Nachteil gewesen. Insgesamt aber war das ein mutiger Einstand von Bernhard Helmich und Hendrik Vestmann, den das Publikum in Anwesenheit des Komponisten einhellig bejubelte.
