Dieses aufwändige, oft für wechselnde Teile der Zuschauer schlecht einsehbare „Bühnenbildtheater“ Aleksandar Deniçs wurde aber zur „Kulisse“ degradiert durch das musikalische Drama. Münchens künftiger Generalmusikdirektor Kirill Petrenko kam als Bayreuth-Debütant nicht nur auf Anhieb mit der unorthodoxen Orchesteranordnung und Akustik des verdeckten Orchesters zurecht, vielmehr machte er Wagners singuläre Komposition zum Klangereignis: faszinierend bis in die Nebenstimmen durchhörbarer Gesamtklang; meisterhafte Übergänge; Feinzeichnung von Motiven, ihrer zitierenden Verflechtung und Abwandlung; durchweg sängerfreundliche Dynamik und Atem für weit gespannte Phrasen und dann auch das fulminante Auftrumpfen – die viermaligen Jubelstürme schienen ihm fast unangenehm, strahlend stand er am Ende nur inmitten des ganzen Festspielorchesters. Die Sängerpositionen Loge, Freia, Donner, Froh, einzelne Walküren, Waldvöglein, Gunter, Gutrune und speziell Hagen wären besser zu besetzen. Parallel zu seiner blendenden Bühnenerscheinung lieferte Lance Ryans Siegfried viele falsche Töne. Rheintöchter und Nornen boten als durchweg nuttige Schlampen abendfüllende Dekolletees und schöne Töne. Claudia Mahnke überzeugte als Fricka, Norne und Waltraute, Burkhard Ulrich als Mime. Catherine Fosters Brünnhilden-Heroine begann mädchenhaft schlank, hatte Schwächephasen und sang dann die liebende Frau mit schönen warmen Tönen. In Martin Winkler hat Bayreuth einen erstklassigen Alberich mit bösartigem Timbre, zu dem Wolfgang Koch als durchtrieben mieser Wotan-Wanderer ein beeindruckender Gegenspieler war. Für sie und im Zentrum Kirill Petrenko: uneingeschränkter Jubel.
Volksbühnen-Chef Frank Castorf hatte verkündet, dass er keinen Jahrhundert-Ring präsentieren wolle: „Mir genügt ein ‚Jahres-Ring’“. Die Ablehnung attestierte ihm aber eindeutig: es ist ein sehr dünner Jahres-„Ring“ geworden, dem nur die musikalische Seite Tiefe verlieh. Castorfs „Volksbühnen-Ästhetik“ wirft aber auch viel grundsätzlichere Fragen auf: ist das postdramatische Theater nicht auf dem Weg zu einer „Büchse der Pandora“ geworden, die „anything goes“ auf dafür nicht geschaffene Werke ergießt? In Vorahnung davon hat Castorf ja vertraglich unterschreiben müssen, zumindest nicht in die „Ring“-Musik einzugreifen. Dennoch stellt sich als Resümee ein, dass die Bayreuther Festspielen mit allen Neuinszenierungen der letzten Jahre – Herheims singuläre „Parsifal“-Neudeutung ausdrücklich ausgenommen – den Anspruch verloren haben, Maßstäbe oder Wegemarken der Wagner-Deutung zu setzen.
