Davor ist Hunding im Gehrock mit Zylinder aufgetreten: wohl Leitender Angestellter des im 19.Jahrhundert das russische Öl-Geschäft gestaltenden Barons Rothschild. Wotan im zeitlos schwarzen Umhang über hellem Shirt ist im 2.Aufzug noch ein Woiwode mit langem Rauschebart ohne Runen-Herrschaftsspeer, dem Fricka im Kostüm einer Tartaren-Fürstin gegenübertritt. Die Walküren in prunkvollen Roben des Zarismus haben zu ihrer wilden Musik getafelt, ordentlich Wodka getrunken und nebenbei Kämpfer der Revolution zur Strecke gebracht. Wotan hat sich an der Macht gehalten, nur den Bart abgeschnitten und rauchend mal eben Sohn Siegmund mit einer Metallstange niedergestreckt. Später löffelt er Kaviar, spült mit Wodka und weist Lieblingstochter Brünnhilde nach verstörend innigem Kuss in eines der Stockbetten der Öl-Arbeiter ein. Da ein bisschen Feuerzauber sein muss, lässt er draußen an einem obskur bleibendem Holzrundbau einen Dachring entflammen.
Grundlinien der Castorf-Inszenierung werden erkennbar: Dekonstruktion von Werkinhalten und -strukturen, diskontinuierliches Erzählen, Nutzen des „alles“ ermöglichenden postdramatischen Theaters. Leider nur interessieren Castorf eben auch große Emotion, tiefes Elend, Macht und ihr Missbrauch, schreiende Klage oder politische Attacke nicht – prompt wirken viele Szenen hingestellt leer.
Rettung kam aus der Musik und von einigen Sängerpersönlichkeiten. Abermals beeindruckten Kirill Petrenko und das Festspielorchester mit klar durchhörbarem Klang, mit Feinzeichnung von Nebenstimmen und dann auch dramatischer Wucht. Angesichts vieler spannungsloser Szenen hätten schnellere Tempi und häufigere musikdramatische Attacken der Aufführung gut getan. Johan Bothas Siegmund beeindruckte vokal, bleibt als Bühnenerscheinung aber ein Problem. Catherine Fosters Brünnhilde bringt für ihr Bayreuth-Debüt zwar schon eine unzeitgemäße Heroinen-Figur mit, hatte den halben 2.Aufzug mit den 39 Grad im Festspielhaus zu kämpfen, lieferte ihre „Hojotoho“-Rufe aber mit jungmädchenhafter Attacke ab und war dem guten, aber von Castorf zu wenig geformten Wotan von Wolfgang Koch ein kämpferisch ringendes Gegenüber. Neben dem herrlich Bass-finsteren Hunding von Franz-Josef Selig aber zeigte Claudia Mahnke, dass man mit dramatisch aufgeladenen Mezzo-Tönen aus der kurzen Fricka-Szene eine spannungsgeladene Auseinandersetzung machen kann.
Wie so oft in der Sängergeschichte Bayreuths könnte ein Sieglinden-Debüt der Durchbruch zu „viel mehr“ sein: Anja Kampe kümmerte sich als Sieglinde nicht nur um den lebendigen Truthahn, der prompt viel szenisches Interesse auf sich zog, sie singschauspielerte mit schöner Bühnenfigur eine junge Frau, die einmal erotisch erglühen darf und dabei vokal erblüht. In ihrem Mutterglück-Abschied „Du hehrstes Wunder“ sang sie sich förmlich die Seele aus dem Leib – und wurde mit Sturmszenen der Begeisterung gefeiert: der singende Mensch kann an Schichten rühren, die das „postdramatische Theater“ als fades Produkt intellektueller Überzüchtung erscheinen lassen.
