Die Regisseurin Yona Kim hat mit Sängerdarstellern, die schon mit den vokalen Anforderungen so ausgelastet sind, dass die schauspielerischen Ressourcen überschaubar sind, eine bemerkenswert präzise Personenführung erarbeitet, die alles darauf anlegt, in kammerspielartig ausgefeilten Szenen den für die Handlung zentralen Antagonismus zwischen privater Neigung und politischem Zwang herauszuarbeiten. Repräsentant dieses Zwangs ist Ramfis, dessen Rolle Kim deutlich zuspitzt: ein Strippenzieher von eiskalter Ungerührtheit, der mehr noch als der politischen Notwendigkeit seiner eigenen Machtgier dient. Er beobachtet die Absprache zwischen Aida und ihrem Vater Amonasro, Radamès die Marschroute der ägyptischen Truppen zu entlocken, vom ersten Moment an und lässt den Feldherrn absichtsvoll in die Falle tappen. Und er inszeniert dessen Verurteilung offenbar vor allem für Amneris – bei der Gerichtsszene ist er mit der Pharaonentochter allein auf der Bühne und treibt sie mit seinen Schuldsprüchen gezielt in den Wahnsinn. So vernichtet er beide legitimen Erben der Königsmacht – und legt sich am Ende selbst jenen ordenstarrenden Königsmantel an, in dem in den ersten beiden Akten „Il re“ sklerotisch vergreist über die Bühne gewankt war.
Das karge Bühnenbild von Étienne Pluss und ihre stilisiert historisierenden Kostüme lenken die ganze Aufmerksamkeit auf Kims genaue, die Figurenkonstellationen zuspitzend zurechtrückende Personenführung: Ein weißer Plafond deckt ein kahles Bühnengeviert, bisweilen senkt er sich bedrohlich herab. Allerdings interpretiert Kim „Politik“ hier doch etwas plakativ als Ränkespiel eines finsteren Charakters statt als gesellschaftliches Phänomen. Denn die ägyptische Gesellschaft mit ihrer etwas derangierten Soldateska und den hüftwiegenden Revue-Tempeltänzerinnen in glitzernder Goldlamée strahlt eher operettenhafte Harmlosigkeit als repressive Gefährlichkeit aus – daran ändern ein paar im bemühten Theaterrealismus leidende Gefangenen auch nicht wirklich etwas. So aber bleibt am Ende eine ganze Dimension von Verdis „Aida“ unterbelichtet. Und dass hier Radamès nicht etwa in der Pyramidengruft stirbt, sondern auf offener Bühne, wo Aida ihm den Gnadenschuss gibt, bevor sie mir ihrem Vater flieht – das bleibt dann doch ein etwas konzeptlos drangeklebter Schlusscoup. Wenn nämlich selbst Aida die Staatsräson über die Liebe stellt und von Radamès abfällt, wird Verdis Liebesideal beschädigt. Dabei wäre doch dieses Ideal das Einzige, was hier ein Gegengewicht zur Politik bilden könnte. Schade.
