Bunt und gewichtig hat die Stuttgarter Künstlerin rosalie ihre Symbolik für den Bühnenraum und die Kostüme gewählt. Eine riesige, aus kunststoffähnlichen Röhren gestapelte Skulptur füllt den kompletten Bühnenhintergrund; wolkenförmig und farblos im Ganzen, bewirken wechselnde Lichtfarben und -stimmungen je nach Szene eine komplett andere Welt: weiß der Himmel, aus dem Jupiter hervortritt, rosa die Verführung in Hébés Zaubergarten, blau des Hades Düsternis. Gott Amor, rot besprenkelt, trägt statt Flügeln einen Lenkdrachen am Rücken, die übrigen Kostüme sind edel silbern und weiß gehalten, die Tänzer tragen geschlechtsneutrale, halblange Kleider.
Den Mythos der Zwillinge Castor und Pollux – von denen einzig Pollux Sohn des Jupiter ist und deshalb unsterblich, Castor hingegen im Kampf getötet wird und in die Unterwelt muss, ehe Pollux ihn durch selbstlose Bruderliebe rettet und Göttervater Jupiter beide begnadigt in den Himmel erhebt – diesen Mythos bebildert Martin Schläpfer im wechselnden Zusammenwirken aller darstellenden Künste: Während der Chor zumeist statisch im Block arrangiert ist, nur hin und wieder Bewegungsmuster aufnimmt, drängen die zahlreichen, mit dem Corps de ballet choreografierten Ballettmusiken in den Vordergrund – und machen deutlich, dass es immer noch der Tanz ist, über den Schläpfer am seelenstärksten spricht: Wenn unter kraftvoll-kantigen Sprüngen filigrane höfische Tanzschritte durchblitzen, oder wenn Schäpfers begnadete Solistin Marlúcia do Amaral die vokalen Eifersuchtsanfälle der Phébé im 3.Akt auch körperlich erfahrbar macht. In dieser Szene gelingt, was selten der Fall ist: dass Sänger und Tänzerdouble im Affekt nahezu verschmelzen.
Generalmusikdirektor Axel Kober dirigiert mit Esprit die Neue Düsseldorfer Hofmusik, wenn auch die dynamische Gestaltung zwischen Bühne und Graben nicht immer harmoniert. Aus dem überwiegend sehr guten Sängerensemble seien neben Jussi Myllys Castor vor allem Günes Gürle als Pollux und Alma Sadés jugendlich-schlanker Sopran (Télaïre) sowie Claudia Braun als Phébé hervorgehoben.
Mit „Castor et Pollux“ beschließt die Rheinoper ihren ehrgeizigen Rameau-Zyklus, der im Januar 2010 mit der ebenfalls choreografisch geglückten Inszenierung Arila Siegerts von „Les Paladins“ begann und im Januar 2011 mit Karoline Grubers aktualisierender Regie von „Platée“ fortgesetzt worden war.
