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Schauspiel,

Zwischen Beklemmung und Groteske

Eva Lange und Matthias Huber: Fasching

Theater:Schauspiel Leipzig, Premiere:03.05.2014 (UA)Vorlage:nach dem Roman von Gerhard FritschRegie:Eva Lange

Ein gespenstischer Chor der Gestrigen grüßt die Veteranen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, der Faschingsprinz, den Karnevalsorden an die SS-Uniform geheftet, beschwört die Kameradschaft und wettert gegen Deserteure. Gegen Deserteure wie Felix, der mitfeiern muss bei diesem bitterbösen „Heimkehrerball“. Dies ist eine der Schlüsselszenen der Uraufführung, mit der Regisseurin Eva Lange und Dramaturg Matthias Huber Gerhard Fritschs Roman „Fasching“ auf die Hinterbühne des Leipziger Schauspiels gebracht haben. 1967 erschienen, erzählt der Roman die Geschichte des jungen Felix, der in den letzten Kriegsmonaten desertiert, als Dienstmädchen verkleidet von der Miederwarenfabrikantin Vittoria versteckt und ihr Liebhaber wird. Als er nach 12 Jahren in seinen Heimatort zurückkehrt, kommt die Vergangenheit wieder hoch und ausgerechnet Felix wird, wieder als Frau verkleidet, zur Faschingsprinzessin gewählt.

Für dieses Geflecht von Abneigung, Demütigungen und alten Wunden hat Carolin Mittler (Bühne und Kostüme) einen strengen, nüchternen Raum gebaut. Um die Zuschauer herum verläuft auf halber Höhe ein Quadrat aus Stegen, das an die Grube denken lässt, in der Felix sich einst versteckte. Auf diesem Steg sitzt zu Beginn Felix (Mathis Reinhardt), erinnert sich in einem leisen Monolog an das Loch, in dem er einst steckte, an den Mitläufer, der er war, bis er die Logik der Metzger nicht mehr mitmachen wollte. Und wie aus diesen Erinnerungen heraufbeschworen, erklimmen die Gestalten aus Vergangenheit und Gegenwart den Steg: der nervöse Fotograf Raimund (Tilo Krügel) begrüßt den Heimkehrer mit zögernd erhobenem rechten Arm. Vittoria (Henriette Cejpek) rafft den engen Rock über die Strapse, um die Leiter hochzuklettern und spricht salbungsvoll und doppeldeutig zugleich über die „chaotische Zeit“, die Chiffre für die Nazi-Zeit.

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So wechselt die Inszenierung immer wieder zwischen Felix‘ erinnerndem und reflektierendem Monolog, Dialog- und Gruppenszenen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es ist eine strenge Form, die sich ganz auf Gerhard Fritschs Sprache und die Schauspieler verläßt und verlassen kann. Manchmal werden die Figuren nur mit einem Spot aus dem Dunkel geholt, dann wieder gibt es Szenen im grellen Licht, zu denen die bösen Zwillinge Pia & Mia (Klara Deutschmann, Sina Martens) höhnische Kommentare abgeben. Und Eva Langes Inszenierung bebildert nicht einfach den Text: Wenn Vittoria von der Verwandlung Felix‘ in das Dienstmädchen Charlotte erzählt, wirft sie ihm zwar Perücke, Papiere und ein Mieder hin, doch Felix zieht die Sache nicht an, bekommt nur später von Vittoria die Lippen geschminkt. Eine Geste, die sie später bei seiner Braut Hilga (Annett Sawallisch) wiederholen wird, die von den Zwillingen in ein groteskes Mieder gesteckt und ausgestopft wird.

So wechseln in dieser starken, gut zweistündigen Inszenierung Charaktere und Szenen immer wieder zwischen Beklemmung und Groteske, Irrwitz und Traurigkeit hin und her. Des grellen Schlußeffekts der Karnevalssitzung mit Konfettikanone und Dorfkapelle hätte es da gar nicht mehr bedurft.   

Nach dieser Uraufführung beginnt am Nachmittag des heutigen Sonntags in Leipzig das 8. Sächsische Theatertreffen, bei dem die elf Sprechtheater des Freistaats ihre Inszenierungen im Schauspiel Leipzig und im Theater der Jungen Welt zeigen. Die Deutsche Bühne, Medienpartner des Festivals, wird in einem täglichen Blog davon berichten.