Wenn man danach die szenische Variante sieht, ist es erstaunlich, wie eng manche musikalischen Details mit den Aktionen auf der Bühne korrespondieren. Das hat zum einen durchaus offenbarenden Charakter, zum anderen lenkt es – eingedenk der Erfahrung des ersten Teils – aber sogar vom musikalischen Geschehen ab. Und das, obwohl Musik wie Szene weit davon entfernt sind, in einen irgendwie gearteten Aktionismus zu verfallen. Reizvoll sind letztendlich beide Fassungen, jede auf ihre Art, da jede andere Facetten – sowohl der eigenen Wahrnehmung als auch des Stückes – betont. Bestes Beispiel ist Dshamilja Kaiser als Maria Maddalena de’Pazzi. Ihre stimmliche Präsenz ist atemberaubend, ihr Ambitus phänomenal, ihre vokalen Nuancen schier grenzenlos. Sie reichen vom ekstatischen Flüstern und Röcheln bis hin zum kantablen, in diesem Stück zugegebenermaßen selten anzutreffenden Wohlklang. Ihre szenische Präsenz im zweiten Teil ist intensiv, aber nicht aufdringlich, sondern angemessen und immer hundertprozentig authentisch. Kaiser übernimmt dabei nur den vokalen Part, Regisseur Mark Daniel Hirsch hat ihre Partie aufgespalten und mit einer Schauspielerin, die die junge Maria Maddalena verkörpert, besetzt, und ihr einen Tänzer als „das menschgewordene Wort“ zur Seite gestellt. Am Ende stehen alle in trinitarischer Eintracht vereint und an die Kreuzigungsszene erinnernd auf der Bühne. Ein eindrückliches Bild.
Die herausragende Helena Baur verkörpert die religiöse Ekstase ihrer Figur sehr glaubwürdig und intensiv, eine Glanzleistung. Keisuke Mihara tanzt im Christuslook durch die Szene und setzt hier und da aufschlussreiche Gesten. Alles in allem ein interessantes Setting, zu dem auch die Ausstattung von Maria Strauch beiträgt. Auf der mit dunklem Stoff ausgeschlagenen Bühne ist ein großer, sich drehender Zylinder positioniert, der Textschnipsel in den Raum projiziert. Das schafft eine mystische Atmosphäre und sorgt für einen szenischen Fixpunkt. Die musikalische Seite der Aufführung ist bei den Musikern des Beethoven Orchesters Bonn, die man angesichts der geringen Zahl der Mitwirkenden gerne auch namentlich im Programm hätte erwähnen können, in den besten Händen. Hermes Helfricht sorgt für ein klares, Orientierung gebendes Dirigat, die Musiker gestalten ihre zuweilen pointilistischen Partien mit größtmöglicher Intensität und Präzision. Auch das ist herausragend. Wer „Infinito Nero“ noch sehen will, sollte sich beeilen. Aufführungen dieser in Zusammenarbeit mit dem Beethovenfest entstandenen Produktion gibt es nur noch am 28. und 29. September.
