Hochtourig kreiselnd, nach Absurdistan entführend. Ähnlichkeiten mit einer uns bekannten Realität wären dann rein zufällig. Aber so funktioniert es nicht. Immer wieder funkeln Themen auf, die sonst auf deutschen Bühnen durchaus für aktuell gehalten, in unserer Realität verortet werden. Zum Beispiel die Beweisführung, dass Herminies Selbstverständnis, „normalerweise führen wir ein ganz bürgerliches Leben“, eine Selbsttäuschung ist. Denn ihr wie alles Leben entstammt dem Chaos und strebt dorthin zurück. Davon könnte das Stück erzählen – da wie im Horrorfilm die Bedrohung von Szene zu Szene wächst, immer größer wird die Unordnung. Herminies zunehmende Überforderung, dieses zu verhindern, hätte dann tragikomische Züge. Zudem ist ihr Ehemann Alfred ein Schriftsteller von der lächerlichen Gestalt, als „Dumbo“ wird er verhöhnt – und in die Klauen der Schönheitschirurgie getrieben. Auch als zeitgeistiges Sittenbild einer Gesellschaft rücksichtsloser Egoisten ließe sich „Herminie“ lesen: Jede Art von Mitgefühl, Freundschaft, Ehe, Treue etc. ist lediglich als Heuchelarie zu erleben. Etwas Blut quillt in die Adern der Figuren nur, wenn mal eine Männer- oder Frauenhand zwischen den Schenkeln eines zufälligen Sitznachbarn ratlos herumfingert.
Geradezu sommernachtsträumend existenzialistisch wirken die Verwirrungen angesichts ständig wechselnder Verkleidungen, Identitätsbehauptungen und Sterbensszenarien, so dass schließlich niemand mehr so recht weiß, wer er/sie eigentlich ist und wen warum gerade zu lieben vorgibt. Mit diesem Strudel der Ambivalenz könnte der Theaterbesucher sein Hirn beschäftigen, während die Aufführung pausenlos um Lachattacken buhlt.
Denn auch das funktioniert nicht so richtig. Die Inszenierung setzt zwar auf Schnelligkeit, ist aber eher hektisch denn rasant rhythmisiert. Eleganz, Esprit, selbstverständliche Virtuosität fehlen bei dieser Massenkarambolage irrwitziger Typen und Temperamente – zu sehen ist die harte spielfreudige Arbeit an der Leichtigkeit. Das Ensemble kämpft, gibt alles, ist auch lustig, aber es sieht eben immer angestrengt aus – und macht das Zuschauen anstrengend. Wer so eine Spielplanposition wagt und einen ähnlich hyperventilierenden Gute-Laune-Regieansatz wählt wie der manisch-hysterische Jux-Akrobat und Slapstick-Weltmeister Herbert Fritsch, der muss sich den Vergleich gefallen lassen mit dessen Magnier-, Curt-Götz-, Moliere-, Arnold/Bach-, Labiche-Inszenierungen – und Michael Heicks verliert ihn deutlich, domestiziert die Komikeskalation nur zur leicht überdrehten Sommerkomödie.
