Foto: „Of One Blood“ von Brett Dean an der Bayerischen Staatsoper in der Regie von Claus Guth. © Monika Rittershaus
Text:Joachim Lange, am 11. Mai 2026
Mit „Of One Blood“ gießt Komponist Brett Dean die Geschichte des weltberühmten Kampfs zwischen Maria Stuart und Königin Elisabeth um den englischen Thron in sinnlich packende Musik. In der Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper macht Regisseur Claus Guth aus dem musikalischen auch einen szenischen Thriller.
Wer Maria Stuart (1542-1587) sagt, denkt Elizabeth Tudor (1533-1603) mit. Und umgekehrt. Wobei einem bei der ersten Queen Elizabeth sofort auch noch Shakespeare einfällt und sie das Markenzeichen für ein ganzes Zeitalter des Aufstiegs lieferte. Bei Maria sind es eher die jahrelange Gefangenschaft und der Gang zum Richtblock. Die eine saß auf dem englischen Thron und sorgte von dort aus für ihre Unsterblichkeit. Die andere wollte ihn und verlor im Kampf darum ihr Leben.
Auch wenn sich die beiden Frauen in Wirklichkeit nie persönlich begegnet sind, gehören sie zusammen. Unstrittig in ihrem Nachleben und als Inspiration für alle Kunstformen, die aus einem so exemplarischen, das religiöse Glaubensbekenntnis einschließenden, Machtkampf bis aufs Messer (bzw. aufs Beil des Henkers) Kapital schlagen. Auf der Schauspielbühne exemplarisch bei Friedrich Schiller, der den Geschichtsprofessor ja nie verleugnete. Gleichwohl als Dramatiker den beiden eine spektakuläre Begegnung angedichtet hat. In der Oper beispielhaft bei Donizetti – wie man es in der kongenialen „Bastarda“-Collage aus dessen einschlägigen Opern vor drei Jahren am Brüsseler Opernhaus La Monnaie/De Munt erleben konnte.
Vokale Aus- und Zusammenbrüche
Jetzt stehen die beiden Königinnen wieder gemeinsam auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper in München. Zum Libretto von Heather Betts hat Brett Dean einen Opernthriller komponiert, der die beiden Königinnen so zueinander in Beziehung setzt, dass es beim Publikum für Spannung sorgt. Mit einer sinnlich packenden Musik, die die Möglichkeiten des Orchesters, die Stimmen seiner beiden exzellenten Protagonistinnen sowie die präzise platzierten und einstudierten Ensembles offensiv (und ohne Innovationsfuror) nutzt. Dabei akustische Zusatzeffekte wie eingespieltes Plätschern oder Kratzen einer Schreibfeder auf Papier geschickt einbaut, ohne der Wirkungsmacht des Orchesterklangs in die Quere zu kommen. Wie schon bei Deans „Hamlet“-Oper vor drei Jahren stand auch diesmal Vladimir Jurowski am Pult des lustvoll mitziehenden Bayerischen Staatsorchesters.
In ihrem englischsprachigen (mithin auf Authentizität und internationale Vermarktung setzenden) Text verarbeitet Betts Historisches aus Briefen der Protagonistinnen und anderen Zeugnissen zu einem griffigen und bühnentauglichen Libretto.

„Of One Blood“ von Brett Dean an der Bayerischen Staatsoper in der Regie von Claus Guth. Foto: Monika Rittershaus
Hochdramatisch sind die Szenen der Ehe von Maria mit dem arroganten Widerling Lord Darnley (Liam Bonthrone), der vor aller Augen ihren besten Freund und Berater Rizzio (Andrew Hamilton) ermordet. Maria befreit sich aus dieser Ehe, indem sie Darnleys Ermordung mindestens billigt. Was natürlich zur Munition für ihre Gegner wird. Die heizen sowohl Elizabeths Sorge vor Maria als auch den Widerstand der Schotten gegen ihre Königin an. Das englische Exil, in das die sich flüchtet, wird für sie am Ende, nach 19 Jahren Gefangenschaft, zur tödlichen Falle. Beim Kampf um Leben und Tod werden das innere Ringen Elizabeths und das Aufbäumen Marias zur Vorlage für eindrucksvolle vokale Aus- und Zusammenbrüche.
Packende Zeitreise
Claus Guth, der seine Perfektion als Regisseur schon oft auch bei Novitäten unter Beweis gestellt hat, macht aus dem musikalischen auch einen szenischen Thriller. Wobei er meisterhaft die Balance zwischen der Distanz über die Jahrhunderte und dem ungebrochenen Interesse an diesem berühmten Kampf um den englischen Thron wahrt.
Auch die Bühne von Étienne Pluss balanciert zwischen einem geradezu futuristischen Labor mit entsprechendem Personal und wissenschaftlichem Gerät. Gegenstand der Untersuchung sind die historischen Zeugnisse in Gestalt der beiden royalen Grabmale, die sich beide in der Londoner Westminster Abbey befinden. Die beiden prachtvollen Marmorsarkophage werden zu Beginn und am Ende dieser historischen Recherche ins Labor geschoben. Die linke Bühnenhälfte ist das Terrain der Tudorkönigin (samt üppigem Thron) und die rechte jenes von Maria Stuart (mit nicht ganz so prunkvollem royalem Sitzmöbel). Die beiden und ihr jeweiliges Gefolge werden für die acht Szenen von dem mit Schutzanzügen ausstaffierten Laborpersonal in historischer Aufmachung (Kostüme: Ursula Kudrna) gleichsam auf die Bühne gestellt und erwachen dort zum Bühnenleben. Für Maria endet das in der effektvoll imaginierten Hinrichtung und für Elizabeth in der persönlichen Verzweiflung über den von ihr begangenen Tabubruch.
Mindestens in der Selbstbehauptung als Frau in einer von Männern beherrschten Welt waren sich beide gleichwohl nah. Oder eben of one blood, also verwandt. Vera-Lotte Boecker als Maria und Johanni van Oostrum als Elizabeth setzen dieser packenden Opern-Zeitreise vokal die Krone(n) auf! Einhelliger Jubel für alle.