Vom Objekt zum Subjekt?

Antonio Vivaldi: Griselda

Theater:Oper Wuppertal, Premiere:16.01.2026Vorlage:DecameroneAutor(in) der Vorlage:Giovanni BoccaccioRegie:Mathilda du Tilliol McNicolMusikalische Leitung:Yorgos Ziavras

Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol versucht an der Oper Wuppertal, Vivaldis „Griselda“ in die Gegenwart zu versetzen. Zum Erfolg wurde die Inszenierung durch die musikalische Leistung von Ensemble und Orchester.

Am Anfang ist zwingend festzustellen, dass der Oper Wuppertal musikalisch eine sehr hochwertige Aufführung von Vivaldis „Griselda“ gelungen ist. Das Ensemble – sechs Sänger, davon fünf Gäste – wurde kenntnisreich zusammengestellt, das Orchester spielte farbenreich und exakt. Dirigent Yorgos Ziavras war nahe bei den Sängern, schärfte den dynamischen Streicherklang und schaffte die Balance zwischen der großen Streichergruppe, dem Basso Continuo mit Regal (einer kleinen Orgel), Cello und Theorbe, sowie als Effektgeräte behandelten Naturhörnern und -trompeten.

Aber wie will man dieses Stück inszenieren? Die Figuren scheinen nicht zu leben, sind eher Prinzipien oder Archetypen. Der Graf Gualtiero ist mit der Schäferin Griselda verheiratet Aber die große Liebe ist verflogen, er will sich trennen und Constanza heiraten, die aber Roberto liebt. Und Griselda wird von Ottone angeschmachtet. Das ergibt zwei Liebespaare – Gualtiero und Griselda, Costanza und Roberto – und mehrere Liebesdreiecke, die statisch umeinander kreiseln. Die sechste Figur, Corrado, versucht, sie mal zu zerstören und mal am Laufen zu erhalten. Er ist eine merkwürdige Figur, sozusagen ein Werkzeug des Autors, ein Vermittler in den Liebesdreiecken.

Aus der Stoffgeschichte entwickelt

Die englische Regisseurin Mathilda du Tillieul McNicol versucht, einen Kern ihrer Vision aus der Stoffgeschichte zu gewinnen. Der Stofft stammt von Giovanni Boccaccio. „Griselda“ ist die hundertste Novelle im „Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert. Hier war Griselda eine duldsame Frau, die immer wieder wegen ihrer Herkunft von Gualtiero geprüft wurde, ob sie würdig sei, Gräfin zu sein. Apostolo Zeno hat diesen Umstand in seinem Erfolgslibretto von 1701, das über zwanzigmal vertont wurde, abgeschwächt, Griselda wehrte sich hier nur ab und zu. Carlo Goldoni schenkte der Hauptfigur in seiner Bearbeitung des Stoffes für Vivaldi noch mehr Wut und Verzweiflung. Und du Tillieul McNicol versucht, Griselda in ihrer Inszenierung zur gleichwertigen Partnerin in einer On-Off-Beziehung zu machen.

Dafür versetzt sie das Stück in die Gegenwart. Gualtiero ist jetzt CEO eines Unternehmens und alle anderen, außer Griselda, sind seine Angestellten. Die Ausstatterin Noemi Daboczi hat zwei kleine Drehbühnen auf die Bühne des Opernhauses gestellt, auf denen Zimmer kreisen: Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, Treppenhaus und Büro. Im zweiten Teil auch der Club, in dem Gualtiero Griselda aufgegabelt hat, denn sie ist keine Schäferin mehr wie bei Boccaccio, sondern Nachtclubtänzerin.

In der Gegenwart erzählt

Die Regisseurin schafft es so, die Geschichte nachvollziehbar zu erzählen und die Motivationen für das Verhalten zurückzudrängen, die heutzutage hanebüchen wirken. Warum die Figuren machen, was sie machen, tritt folgerichtig in.den Hintergrund. Zum Beispiel ist Constanza eigentlich die Tochter von Griselda und Gualtiero, von Corrado aufgezogen. Doch das erzählt die Inszenierung nicht. Und der Sohn Everardo ist hier kein Kleinkind, sondern ein Pubertierender, der immer im Weg ist und nicht geliebt wird, fast ein Denkmal für eine lieblose Welt. Griselda dagegen wird mit Kurzhaarschnitt und Hosen ausgestattet und raucht pausenlos Zigaretten, sozusagen ein Modell für eine Emanzipation von Vorgestern. Dazu taucht die Regisseurin das Spiel in einen rasenden Ablauf von Türenklappern, essen, trinken, aufs Handy starren und immer wieder Aus- und Anziehen, der sich oft auch über die Musik legt. Aber eine dramatische Struktur erhält der Stoff so nicht.

Das Spiel lebt ausschließlich vom Gesang. Wie Sonja Runje mit hochenergischer Altstimme die Griselda einen Menschen formt, muss man gehört haben. Ihre Arie im ersten Akt „Hò il cor già lacero“, bei dem sich ihr Freiheitsdrang erstmals Bahn bricht, ist alleine das Eintrittsgeld wert. Rinnat Moriah zeichnet die Costanza mit leicht körnigem Sopran und traumwandlerisch sicheren Koloraturen als Gegenfigur. Michael Gibson steht mit leicht ansprechendem, nicht zu hellem, sehr geläufigem Tenor als Gualtiero dazwischen. Beide Countertenöre leiden unter der Eindimensionalität ihrer Figuren, Lidor Ram Mesiko beeindruckt als Ottone aber mit seinen Spitzentönen. Gerben van der Werf eher mit seiner ausgeglichenen, technisch toll geführten Stimme. Und Marianna Ortugno aus dem Opernstudio NRW zeichnet sich mit stimmlicher Zurückhaltung aus – und trotzdem mit dynamischem Vortrag und feiner Linienführung.

Es gibt also vor allem viel zu hören in Wuppertal. Und das Publikum reagierte begeistert – auch auf die Inszenierung.