Foto: Solomiiaa Kyrylova, Alicia Aumüller, bernardo Arias Porras, Stefan Suske, Nancy Mensah-Offei, Samouil Stoyanov © Marcella Ruiz Cruz
Text:Martin Thomas Pesl, am 16. Januar 2026
Am Volkstheater Wien zeigt Jan-Christoph Gockel eine Revue über den Schriftsteller Joseph Roth – geboren auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Doch vor vergnügliche Momente der Koproduktion mit dem Nationaltheater Marija Sankowezka in Lwiw drängt sich immer wieder das ernste Thema Krieg.
Kaum werden Staaten bedroht, sind sie der heiße Scheiß auf deutschsprachigen Bühnen. Diese Erkenntnis wird spät verlautbart in „Ukrainomania – Revue eines Lebens“. Jan-Christoph Gockel weiß es aber natürlich schon länger. An den Münchner Kammerspielen hat er 2023 Natalka Vorozhbyts Stück „Green Corridors“ uraufgeführt, mit einem teils ukrainischen Ensemble, zu dem auch die Live-Zeichnerin Sofiia Melnyk gehörte.
Melnyk ist nun wieder dabei, da Gockel erstmals am Volkstheater Wien arbeitet. Frisch mit seinem Münchner „Wallenstein“ zum Theatertreffen eingeladen, nimmt der Regisseur diesmal keinen dramatischen Text als Grundlage, sondern eine interessante Tatsache: dass der Schriftsteller Joseph Roth – Kaffeehausliterat und etwa mit seinem Roman „Radetzkymarsch“ Chronist der untergegangenen Donaumonarchie – auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren wurde. Roth schrieb: „Manchmal wird eine Nation modern. Diesmal sind es die Ukrainer.“ Mit anderen Worten: der heiße Scheiß.
Anekdotisch biografisch
Joseph Roth gilt als Klassiker, besonders im nostalgiebesoffenen Österreich. Der Spagat, auf dem Gockel und sein Team balancieren müssen, besteht darin, nicht ein bestimmtes seiner Werke aufzurufen – etwa „Die Legende vom heiligen Trinker“, die Roths Alkoholismus spiegelt –, sondern aus Anekdotisch-Biografischem einen Eindruck von dem Mann zu bieten. Bei Bernardo Arias Porras ist er ein fahriger, larmoyanter Egozentriker, der nicht unbedingt Sympathien erregt, wohl aber Mitleid, wenn er sich einmal in eine Decke gewickelt Zuschauerinnen an den Hals wirft und das Publikum ohne jede Ironie, vielmehr mit zunehmender Verzweiflung um Geld anfleht. Der dokumentarische Ansatz bedingt aber auch ein paar plumpe Zeigefinger-Momente, als es etwa darum geht, dass Roth 1939 in Paris starb. Wieso das? „Weil er Flüchtling war! Viele waren das damals.“

Samouil Stoyanov, Bernardo Arias Porras. Foto: Marcella Ruiz Cruz
Die Inszenierung entstand in Koproduktion mit dem Nationaltheater Marija Sankowezka in Lwiw, jener Stadt an der polnischen Grenze, die auch schon mal Lwow, Lwów und Lemberg hieß, wie Schauspieler Stefan Suske in einem virtuos zungenbrecherischen Vortrag erklärt. Eine dortige Crew probt ebenfalls „Ukrainomania“ (Premiere ist am 10. Juli), nur die Schauspielerin Solomiya Kyrylova wurde nach Wien verliehen. Das ukrainische Ensemble nutzte die tägliche Nachtzugdirektverbindung für einen Besuch in Wien, auf der Rückfahrt schloss sich die Volkstheater-Besetzung an.
Schöne Spielmomente
Die zwei gemeinsamen Tage in Lwiw wurden videografisch eingehend dokumentiert und bilden das Zentrum der Aufführung, narrativ, aber auch ästhetisch: Außer den projizierten Live-Zeichnungen und Bildern von der Recherchereise bilden ein Kühlschrank als Tresor – derzeit wohl üblich in ukrainischen Haushalten – und ein Grab, das Kyrylova zusammen mit Samouil Stoyanov für Joseph Roth schaufelt, die einzigen visuellen Ankerpunkte auf der Bühne. Rechts vorne sorgt Komponist und Multiinstrumentalist Jacob Suske für Atmosphäre.
Als Collage kurioser Informationen – so unterschlug ein falsches Geburtsdatum auf Roths Grabstein ihm 24 Tage seines ohnehin kurzen Lebens – vergnügt die Aufführung über ihre Länge von zwei Stunden und generiert ein paar schöne Spielmomente: wenn etwa die Ukrainerin Kyrylova und der gebürtige Bulgare Stoyanov einander in ihren slawischen Sprachen herumkommandieren oder wenn Roth seiner Geliebten Andrea Manga Bell (Nancy Mensah-Offei) Liebesschwüre macht und ihr dabei nahelegt, seine ellenlange Schnapsrechnung zu bezahlen.

Samouil Stoyanov, Solomiia Kyrylova. Foto: Marcella Ruiz Cruz
Doch der Abend hat ein Problem: Der aktuelle Krieg drängt sich ständig vor die Roth-Revue. Symbolisch dafür: Ein Interview von Arias Porras als Roth mit dessen ukrainischem Übersetzer in Lwiw soll die Bedeutung des Schriftstellers in seiner ehemaligen Heimat unterstreichen. Dann aber geht im Café der Strom aus, wie um zu sagen: Hallo, es ist Krieg und ihr redet über Literatur – geht’s noch?
Zum Schluss kapituliert die Dramaturgie völlig vor dem ernsten Thema: Solomiya Kyrylova, die den Abend mit einer kleinen Einführung auch eröffnete, stellt Krieg pantomimisch dar und starrt dann lange stumm und eindringlich ins Publikum. Ja, wahrscheinlich geht es nicht anders.