Florian Lange als Alberich auf dem Gustaf-Gründgens-Platz
Schauspiel,

Vor dem Elfenbeintower

Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: Das Rheingold. Eine andere Geschichte

Theater:Düsseldorfer Schauspielhaus, Premiere:27.05.2021 (UA)Autor(in) der Vorlage:Richard WagnerRegie:Roger Vontobel

Drei Stunden lang, inklusive 20 Minuten Pause, harren über 200 Menschen auf einer nicht überdachten, nicht beheizten Tribüne auf dem Gustaf-Gründgens-Platz vor dem Düsseldorfer Schauspielhaus aus. Es regnet nicht, aber es ist klamm. Und es wird, naturgemäß, immer kälter. Aber die Tribüne ist, bei beachtetem Hygienekonzept, voll, und sie bleibt es. Der Schlussapplaus ist nachhaltig und fast Jubel. Er gilt dem neuen Stück, den Darstellerinnen und Darstellern, dem Inszenierungsteam und den anwesenden Autoren. Er gilt in erster Linie der Tatsache, dass, zumindest jetzt und hier, das Theater dem Publikum zurück gegeben wird und das Publikum dem Theater.

Das ist so intensiv zu spüren, dass das, was sich konkret ereignet, ein wenig in den Hintergrund tritt. Der Titel „Das Rheingold. Eine andere Geschichte“ ist ein großes Versprechen, das nur teilweise eingelöst wird. Der Anfang reißt mit. Von unten kommt Alberich auf den Platz. Er freut sich daran, ist ausgelassen, jubelt über Schönheit, entwickelt eine Vision und eine Haltung, ist Arbeiter und Idealist, Revolutionär und Kind gleichzeitig: „Oben ist der Herr. Unten ist der Knecht. Das ist die Lüge.“ Florian Lange spielt das als etwas sehr Schönes. Mime taucht auf, der Bruder, die Gegenfigur, der in der Finsternis geknechtete Unterdrückte, der sich mit Finsternis und Unterdrückung abgefunden hat und gelernt hat, sich anseiner Hände Arbeit zu erfreuen. Kilian Ponert läuft auf vier Beinen, spielt und spricht aber überraschend geschmeidig. Fast scheint er, bei allem sich Abfinden, der selbssicherere Bruder zu sein. Dann kommen die Rheintöchter – die dreiköpfige Band arbeitet sich schon länger an Wagners Vorspiel im jazzigen Gitarren-Rock-Sound ab – und die Erzählung rastet ein in Wagners Dramaturgie. Günter Senkel und Feridun Zaimoglu halten sich an Wagners Handlung und deren Einteilung in vier Szenen. Sie dehnen hier, raffen da, verändern und modernisieren die Haltungen und Motivationen der Figuren und verordnen ihnen eine merkwürdig poetisierende Hochsprache, in denen sich alte und neue Sprachverwendung treffen können, ohne Verlegenheiten auszuklösen. Was allerdings Distanz schafft. genau wie das Übereinander von Mythos und Parabel: Hier wird aus der Edda erzählt, da auf Romantisches und Modernes mit gesellschaftlicher Haltung angespielt. Alberichs Abstieg zur Macht etwa, zum Unterdrücker eigenen Unrechts, vollzieht sich gleichsam im Rückspiegel von Oscar Wildes „Geburtstag der Infantin“ und George Orwells „Farm der Tiere“.

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Spannend wird es immer, wenn sie Wagners Weg verlassen. Wenn Erda etwa in der ersten Szene auftaucht, die Rheintöchter beschimpft, ihnen Verantwortung zuweist und dann mit ihnen singt, einen rockig-archaischen, existenziellen Schrei-Chor, den intensivsten Moment des Abends. Manuela Alphons gelingt, neben Florian Langes Alberich, die zweite wirklich bemerkenswerte Figur des Abends. Ihre Urmutter ist ein ungnädiger, fanatischer Apostel der Mäßigung, also ein Widerspruch in sich. Sie verkörpert nicht Natur, sondern eine in die Jahre gekommene Kultur und Zivilisation, die sich selbst vergessen hat. In ihren Zeilen sind Zaimoglu und Senkel am Puls der Zeit und Alphons nimmt die Vorlage klug auf.

Andere Figuren werden nicht so beschenkt, was aber von starken Bildern und guten Schauspielern abgefedert wird. Thomas Wittmann und besonders Andreas Grothgar sind prägnante Riesen, Fricka – hier vielleicht noch unsympathischer als bei Wagner – wirft in Gestalt von Judith Bohle ihre Pointen lässig muskulös aus, als gelte es einen Diskus zu schleudern, André Kaczmarczyk ist ein angenehm leiser (momentweise zu) virtuoser Loge.

Roger Vontobel erzählt mit Hilfe von zwei vertikalen Videowänden klar und kleinteilig, sodass die Stärken des Textes genauso zutage treten wie seine Längen. An den Rheintöchtern ist er gescheitert. Die kommen zu Beginn in silbernen langen Kleidern und blonden Mähnen daher, quasi uniformiert als Walküren im Verführungsmodus. Aber wer würde sich von ihnen verführen lassen. Sie strahlen nicht. Sie interessieren uns nicht. Nach dem Verlust des Goldes ziehen sie kleidsames Schwarz drüber. (Die Kostüme von Ellen Hofmann sind fast durchgängig mäßig inspirierter Opern-Trash). Im zweiten Teil sind die drei Damen dann als Background-Chor tätig, meistens unverständlich. Hier und da ist auch „wigalaweia“ dabei wie bei Wagner. Sein Tarnhelm-Motiv wird genauso totgesungen, wie das Auftrittsmotiv der Riesen von der Band totgespielt. Auch die Wotan-Figur stimmt nicht. Florian Claudius Steffens geht das Ganze eine Spur zu leichtgewichtig an. Seine Einäugigkeit wird nicht erklärt oder produktiv gemacht. Sie bleibt mythisches Emblem und Dekoration. Seine viel stärker als bei Wagner ausgeprägten Skrupel, was den Missbrauch seiner Macht angeht, glauben wir nicht, auch mangels Fallhöhe.

Stärker sind die Bilder von Ansgar Prüwer, etwa das in Form von drei Wrackteilen den Platz strukturierende Militärflugzeug und das Spiel mit Vorhängen und Fassaden. Am stärksten an Vontobels Inszenierung ist die Erfindung zweier neuer Protagonisten. Das Rheingold ist gegenwärtig wie nie, visualisiert als acht gülden gekleidete Kinder undJugendliche, die auf Rollschuhen ihre Kreise drehen und sich immer um den zusammenziehen, der sie ruft. Die andere Hauptfigur ist – das Theater, besser: der Theaterbau. Das 50 Jahre alte Schauspielhaus ist ein phantastisches Walhall, auch wenn es nie so genannrt wird. Aber es steht da, kraftvoll und elegant. Man glaubt sofort, dass ein Gott, ein Herrscher, ein Politiker, ein Intendant es haben will. Als „Elfenbeintower“ wird es von Wotan launig bezeichnet. Ständig fallen Formulierungen wie „Dieser Palast gleicht einer Zwingfeste“. Wer muss da nicht an die Vorgänge denken, die genau dieses Theater in den letzten Monaten immer wieder durch die Feuilletons geschleift haben? Mit diesen wird auf der Open-Air-Bühne natürlich nicht explizit umgegangen. Aber sie scheinen auf, man glaubt, Problembewusstsein und Galgenhumor zu spüren. Vielleicht ist das so, vielleicht steht es „nur“ im Text. Aber geschwiegen wird nicht. Das Theater ist wieder da.