"Tod eines Handlungsreisenden" am Staatstheater Nürnberg
Schauspiel,

Von Sachsen-Anhalt nach New York, New York

Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden

Theater:Staatstheater Nürnberg, Premiere:14.12.2013Regie:Sascha Hawemann

Über die denkbar größte Wirkung seines Stückes „Tod eines Handlungsreisenden“ hat Arthur Miller in seinem immer noch aufregenden Lebensbericht „Zeitkurven“ (Seite 254) geschildert, wie nach einer Vorstellung der ersten Serie ein vornehmer Herr erregt auf seinen begleitenden Sekretär einredete. Es war der Chef einer Kaufhaus-Kette, der „an diesem Abend Anweisung gab, dass in seinen Betrieben keinem Angestellten mehr aus Altersgründen gekündigt werden darf“. 64 Jahre später, am Ende der Nürnberger Neuinszenierung des längst zum „Klassiker“ aufgestiegenen und an diesem Theater nun zum vierten Mal produzierten Dramas wird wohl kein örtlicher Karstadt-Mitarbeiter auf die hoffnungsvolle Idee kommen, Herrn Berggruen eine Freikarte zu schenken. Was nicht ausschließlich am grade mit Ausstiegsplänen befassten Ein-Euro-Boss liegt, denn der Regisseur Sascha Hawemann will beim schrägen Blick auf die tiefgründelnde Dramatik keinesfalls Mitleid beschwören. Er verweigert in seiner Interpretation, die aus der Lebenslüge der amerikanischen Familie betont beiläufig ein kaltschnäuzig skizziertes deutsches Provinzler-Schicksal (mit Ausflug nach Sachsen-Anhalt und der danach etwas kurios wirkenden Song-Sehnsucht nach „New York, New York“) macht, jegliche Zuwendung. Mehr noch, er löst alle akzeptierten Charakter-Masken des scheiternden Willy Lohmann, die da im deutschen Langzeitgedächtnis von Heinz Rühmann bis Dustin Hoffman reichen mögen, einfach dadurch auf, dass er die ganze Bühnen-Familie zur Kunst-Installation erklärt, also von der Generationsfrage befreit. Stefan Lorch (seit er in Christoph Mehlers Radikal-Regie den Woyzeck für 50 Minuten nackt im Kreislauf bewegte, wurde er Nürnbergs Mann für alle Sonderfälle) ist und spielt mindestens 20 Jahre weit weg vom bedrohlichen Vorruhestand. Seine Partnerin Louisa von Spies (kann gut singen, also tut sie es auch hier inklusive einer Hommage an Marilyns Diamanten-Freundschaft) hat die Rollen von zwei Frauen, die man als Zuschauer nicht unterscheiden kann, gleitet zwischen dem alterslosen Glamourgirl am Mikroständer und der emsigen Ehefrau von gleichem Alter wie ihre beiden Söhne (sehr sportiv: Julian Keck und Christian Taubenheim) immer hin und her. Vor allem aber beobachtet sie traurig, dass sich die überwiegend in Unterwäsche präsenten Männer zwei Stunden lang gegenseitig anbrüllen. Man kann zusammenfassend sagen, dass der Regisseur ziemlich genau wusste, was er alles nicht möchte (bloß keine Sozialkunde!) in diesem inzwischen von Klischees belauerten Stück – aber leider nicht, wohin das führen soll. Die Reaktion „Selber schuld“ kann hoffentlich nicht gewollt sein.

Bühnenbildner Wolf Gutjahr hat die Szene aufgerissen für eine Fabrikhalle, deren Neonröhren weit in den Zuschauerraum reichen. Mobile Kleiderständer voller Anzüge, offenbar dem Zwischenlager einer Großreinigung nachempfunden, umgrenzen den Spielraum. Vorne an der Rampe ein vom Publikum abgewandtes TV-Gerät (das die Familie mit Spots von 0180-Nummern, aber auch mit den unendlichen Weiten des „Raumschiff Enterprise“ versorgt), von ganz hinten ein rollendes Leder-Sofa als Patriarchen-Thron, auch kurzfristig zur familiären Kuschel-Couch umzuwidmen oder gekippt als Hausbar. In diesem Rahmen lässt sich gut wüten. Denn ein „Wutbürger“ (gibt es den Begriff überhaupt noch?) ist dieser Willy Lohmann allemal.

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Stefan Lorch zelebriert den an sich selbst scheiternden Handlungsreisenden. Er ist die wandelnde Präpotenz, cholerisch mit Heulsusen-Unterton, klammert an seiner erlogenen Autorität, fährt Frau und Söhnen übers Maul, schimpft sich die Welt ins passende Format. Louisa von Spies singt in wunderbar ergreifender Melancholie, die ansonsten von der Regie streng untersagt ist, gegen die Katastrophe an. Einmal findet das Paar zusammen, da glitzert die Show-Kugel und der grollende Papa schlüpft zu seiner speziellen Saturday Night in den weißen Travolta-Anzug. Ein Traum. Die beiden Jungs, Christian Taubenheim als aggressiver Versager Biff und Julian Keck als sexbesessener Softie Happy, raufen miteinander und auch mit der Textfassung, die in der eingeschleusten Umgangssprache blechern scheppert und in einem egotherapeutischen Selbsthilfe-Solo das Wort „Scheiß“ rekordverdächtig oft unterbringt. Am leichtesten hat es Philipp Weigand mit drei Randfiguren, die allesamt mit oder ohne Trampolin per Komik-Treibstoff bestens funktionieren.

Ansonsten wird abendfüllend Aktualität herbeilamentiert, mal fällt der Name Schlecker und mal Siemens, mal geht es um Ratenzahlung für chinesischen Produktionsschrott und mal um die mehrheitsfähige Tatsachenbehauptung, dass es „nur ein‘ Rudi Völler“ gibt. „Papa mag nichts lieber als Pläne schmieden und in Erwartung leben“, sagt ein Sohn. Daran sieht man, wie wenig er den Vater, zumindest den aus dieser Aufführung, kennt. Am Ende geht auch noch die Ordnung der Kleiderständer dahin, weil der wahnsinnige Ignorant Lohmann alle Anzüge auf einen großen Haufen schmeißt. Sein entsorgtes Leben gibt ihm die letzte Ruhestätte und Mutti singt also „New York, New York“.

Es ist ein anderer „Tod eines Handlungsreisenden“ als sonst, immerhin. Das Publikum applaudierte den Schauspielern unter besonderer Berücksichtigung ihrer Stimmbänder. Beim Verbeugen des Regisseurs kippte der Beifall in ein aufgelockertes Buh-Konzert. In zehn Jahren, da kann man drauf wetten, ist die nächste Produktion zu erwarten.

_Weitere Termine: Mi 18.12.2013 19:30 Uhr, Sa 21.12.2013 19:30 Uhr, So 22.12.2013 19:00 Uhr, Do 26.12.2013 19:00 Uhr, Sa 28.12.2013 19:30 Uhr_