Bei Tscherniakov entführt die frustrierte Küsterin, die Michaela Martens bei aller vokalen Durchschlagskraft differenziert, mit vielen Zwischentönen, anlegt, das Kind und versteckt es in ihrem Dachstock, um es als Ersatzmutter aufzuziehen. Das gibt der Figur neue Facetten, aber der Kindsmord verkleinert sich zum Unfall. Am wenigsten betroffen davon ist die Titelfigur: Kristine Opolais überzeugt darin als sehr intensive Sängerdarstellerin, die ihre inneren Nöte sicht- und hörbar machen kann. Allerdings droht sie manchmal von den Orchesterwogen zugedeckt zu werden und muss so die sängerische Feinzeichnung zu Gunsten des Kraftaufwands aufgeben – der Abend verliert dann seine Kammerspielqualitäten.
Generalmusikdirektor Fabio Luisi hat das Opernhausorchester zu Philharmonia Zürich umbenannt, was international besser verkäuflich sei. Er stand bei der Premiere von „Jenufa“ zum ersten Mal im Zürcher Graben – und nicht als erster wird er im relativ kleinen Theater zu laut: Kein sehr guter Einstieg (auch wenn er bejubelt wurde), weil Luisi auch den spezifischen Tonfall Leos Janáceks kaum trifft. Es kann auch zu viel an Wohlklang sein, wenn die Kanten abgeschliffen werden: gerade bei Janácek leidet die dramatische Glaubwürdigkeit darunter. Im Anspruch, Musiktheater mit Bezug zum Heute zu machen, ist das Opernhaus mit dieser ersten Premiere der Intendanz von Andreas Homoki szenisch einen Schritt vorangekommen. Musikalisch noch nicht.
