Der Einbruch des Realen gewinnt immer wieder die Oberhand bei derartigen Stadterkundungen. Naturgemäß. „Ey, eine Demo“, ruft jemand aus einem Auto heraus, als wir uns uniformiert mit unseren Welcome-Pack-Jutebeuteln über die Bürgersteige drängen. Die einen frieren, die anderen haben Hunger und holen sich schnell etwas vom Kiosk. Am Hinterausgang des Hauptbahnhofs – nächste Station – genießt ein Betrunkener kurz die Aufmerksamkeit im Scheinwerferlicht. Dann leuchten die Lampen des Baggers auf der Bahnhofsbaustelle deutlich heller als die aufgestellten Bühnenlichter. Ivana Sajkos eigentlich eindringliche Erzählung zweier Geschwister, die auf eine bessere Zukunft an einem neuen Ort hoffen, wird da schnell zum Nebenschauplatz.
Zum Finale kommen alle auf dem Platz der Synagoge vor dem Theater zusammen, um mit Sivan Ben Yishai den gegenwärtigen Moment zu feiern. Und um der Zerstörung der Synagoge durch die Nazis zu gedenken. In schonungslos-detaillierten Sprachbildern gleicht der Abbau der Synagoge bei Yishai einer menschlichen Schlachtung. Ihr Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, als am Ende der dreistündigen Tour noch übrig ist. Schade ist das. Aber rauszugehen aus der konzentrierten Theaterblase hat eben seinen Preis. Und ein Gewinn ist sicht- und spürbar: Die Begegnung mit dem Draußen ist hier mehr als nur eine Floskel.
