Szenisch herrscht mehr Klarheit. Die musikalische Symmetrie der beiden Expeditionsgruppen spiegelt sich auch im weißen Bühnenbild von Regisseur Hans Neuenfels und Katrin Connan. Eine Linie in der Mitte trennt die Teams. Jede Gruppe ist für sich – und doch ist die andere immer da. Das schwarz markierte Kreuz, wo sich im Hintergrund die beiden Diagonalen treffen, ist das Ziel, dem beide entgegenstreben. Auch die schwarzen (Team Scott) beziehungsweise grauen (Team Amundsen), an der Originalausrüstung orientierten Kostüme von Andrea Schmitt-Futterer unterstützen die Polarität am Pol. Am stärksten ist der Abend, wenn mit der ausdrucksstarken Mezzosopranistin Tara Erraught (Kathleen Scott) und der bis in eisige Höhen kristallin singenden Sopranistin Mojca Erdmann (Landlady) andere Farben hinzukommen. Oder wenn die dauerbewegte Musik Miroslav Srnkas innehält und an Fokus gewinnt wie in der starken Tötungsszene des ersten Teils, wenn die Männer die durch Statisten dargestellten Ponys und Hunde schlachten und die Pistolenschüsse vom Schlagzeug abgefeuert werden, ehe ein orchestraler Tinnitus die Stille danach unerträglich werden lässt.
„Doppeloper“ hat Srnka sein Werk genannt, da die beiden Geschichten parallel ablaufen. Im zweiten Teil driften sie schmerzhaft auseinander. Während Amundsen mit seinen Männern den Erfolg ausgelassen feiert, kämpft das Team Scott bei der Rückkehr ums Überleben – und verliert. Als letzter stirbt Scott selbst, dessen Agonie Villazón umzusetzen versucht, aber dabei wie in der gesamten Rollenzeichnung wenig berührt. Das Premierenpublikum ist begeistert, der Komponist sichtlich bewegt. Nur das Polarzelt im Regen wirkt ähnlich verloren wie diese aufwändige Produktion.
