Tilmar Kuhn und Reinhart von Stolzmann im "Kaufmann von Stuttgart".
Schauspiel,

Verstaubte Gefühle

Joshua Sobol: Der Kaufmann von Stuttgart

Theater:Schauspielbühnen Stuttgart, Premiere:02.05.2013 (UA)Regie:Manfred Langner

Hinter verschlossenen Türen des herzoglichen Gemachs wird ein Mädchen vergewaltigt. Der jüdische Finanzmakler und Machtmensch Joseph Süß Oppenheimer hat Magda an den sexbesessenen Karl Alexander abgetreten. Tränenüberströmt und voller Blut tritt die junge Schauspielerin Sarah Härtling aus dem Raum. Drastische Bilder wie dieses setzt Regisseur Manfred Langner in seiner Uraufführung von Joshua Sobols „Der Kaufmann von Stuttgart“ an den Schauspielbühnen Stuttgart sparsam, aber wirkungsvoll. Eiskalt verschachert Oppenheimer, den Tilmar Kuhn vom Klischee des verschrobenen Juden befreit, die Kindfrau an den Herrscher. Markus Gehrlein als aalglatter Vater und höfischer Intrigant sieht teilnahmslos zu, weil ihm ein Posten winkt.

Das neue Stück des Theaterprovokateurs Sobol, der seit seinem Welterfolg „Ghetto“ 1984 an der Berliner Volksbühne in der Regie Peter Zadeks in vielen Stücken jüdische Geschichte aufgearbeitet und damit auch Proteste in Israel auslöste, besticht durch Tiefe. Antisemitismus, der sich bis heute in die Köpfe der Menschen frisst, bringt Schauspielbühnen-Intendant Langner zwar zur Sprache. Sein historisierender Ansatz übertüncht aber den nackten Judenhass, der sich in der Wahrnehmung des Juden Süß offenbart. 1940 hat Veit Harlan die Figur im nationalsozialistischen Propagandafilm als Sündenbock und Zerrbild auf Zelluloid gebannt. Das Bild geistert bis heute durch manche Köpfe.

Mit solchen Klischees bricht das Stück des 73-Jährigen. In Langners Inszenierung gehen sie unter: Tilmar Kuhn porträtiert die umstrittene Figur, die 1738 in Stuttgart erhängt wurde, als smarten Geschäftsmann. Intelligent führt er die Geschäfte des katholischen Herzogs Karl Alexander, den Michael Hiller als überforderten Taschenspieler und Lüstling zeigt. Der hochgewachsene Beau Oppenheimer verzaubert nicht nur seine schöne Gefährtin Luzie, bei Kim Zarah Langner eine Taktikerin, sondern auch die Frauen am Hof, die sich für ihn opfern. Wie stark sich Süß assimiliert hat, zeigen Dialoge mit seinem Onkel Landau. Reinhart von Stolzmann vermittelt die orthodoxe Philosophie des Juden souverän. Er warnt seinen Neffen davor, sich von der Macht vereinnahmen zu lassen. Als der gestürzte Financier am Ende in Festungshaft sitzt, lässt ihn der jiddische Patriarch fallen.

Mit hohen Mauern, einem Kronleuchter und musealem Mobiliar fesselt Beate Zoffs Bühnenbild die Handlung zu sehr an die Historie. Der Blick auf aktuelle Bezüge und latenten Rassismus, den Sobols Stück in mancher Hinsicht eröffnet, wird so verstellt. Das gilt auch für Uschi Haugs aufwendige Kostüme und gepuderte Perücken. Da verstaubt manches brennende Gefühl. Mit jiddischer Musik setzen die musikalische Leiterin Heike Rügert und das Trio Meschugge sinnliche Akzente. Carmen Voigts Choreographie lässt die Schauspieler streckenweise in emotionale Grenzbereiche vordringen, die ansonsten in der geschichtsverliebten Regiearbeit Langners zu kurz kommen.