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Urwald-Sex und Frauenfrage

Virginie Despentes: King Kong Theorie

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Neues Theater
Regie: Claudia Bauer   Foto: Falk Wenzel 
Von Michael Laages am 15.11.2011

Das Material hat's unbedingt in sich: wie in ihrem Debütroman “Baise moi/Fick mich” (1993) breitet die französische Autorin Virginie Despentes auch in dem neuen und sehr viel schmaleren Text mit dem sehr viel längeren Titel “King Kong Theorie oder Ich komme als Opfer einfach nicht glaubwürdig genug rüber” (2008) eine gehörige Menge sexueller Abenteuer und Phantasien aus. Und sie stellt politisch ziemlich inkorrekte Überlegungen darüber an, wie sich Frauen unter dem Einfluss sexueller Gewalt womöglich ganz selbstverständlich von der erzwungenen hin zur professionellen Lust-Gewährung entwickeln; konkret: von der Vergewaltigung zur Prostitution. Vermischt sind diese Beschwörungen weiblicher Wege durch die Labyrinthe der Erotik mit dem Film-Mythos des haarigen Affen. King Kong wird bei Despentes zur Projektion verschiedener Theorien – jenseits der vertrauten vom schwarzen Sex-Protz, der allen Weißen Angst einjagt. Ist er nicht viel mehr, nämlich das Unausgelebte schlechthin? Und könnte er womöglich sogar weiblich sein?

Das ist auf den ersten Blick also kein Stoff, der sich einfach so inszenieren ließe. Claudia Bauer, zwischen Jena, Stuttgart und Schwerin seit langem eine der erfahrensten Regie-Frauen der jüngeren Generation, rückt King Kongs Spuren (und damit den verschiedenen Despentes-Theoremen) mit kräftigen Besteck zu Leibe. Vor allem setzt sie mit Martin Reik einen sehr kräftigen Mann ins Zentrum weiblicher Nabelschau; Betroffenheit und Kitsch haben folglich nicht die Spur einer Chance. Katharina Kummer und Annemie Twardada umgeben diesen leibhaftigen King namens Kong ihrerseits wie Projektionen. Und wenn die drei gemeinsam von Vergewaltigung und schmerzhaftester Sexualität erzählen, dann kommen noch ein paar distanzschaffende Waffen hinzu. Denn Hendrik Scheel hat für diese Koproduktion mit dem Puppentheater der Kulturinsel Halle verschiedene Arten von unbelebten Spiel-Figuren entworfen, und Kostüme obendrein, in denen die Spieler ihrerseits zu Puppen werden können, die anderen Puppen zuschauen – mit der Video-Kamera. Das erweitert den Zuschauer-Blick über den Stück-Text hinaus.

Und das ist gut so. Denn trotz kräftiger Striche ist das noch immer kein sonderliches starkes Stück; doch es gewinnt im Spiel des Trios auf der Bühne allemal. Despentes kehrt ihr Innerstes nach außen, aber die Inszenierung schaut von draußen drauf. Der Raum in den Kammerspielen erinnert sehr entfernt an Arztpraxis und/oder Hobbywerkstatt, Reik (bekanntermaßen auch ein profunder Soul-Sänger) hat das Keyboard dabei und stimmt gelegentlich ruppig-raue Gesänge an. Immer wieder verwandelt sich die Trio-Truppe hinein in die Rollen von Opfern und TäterInnen, hinein ins Weibliche und wieder heraus – und ohne diese angriffslustige Form von Verspieltheit wäre der Text nicht sehr viel mehr als viel Papier und Spekulation: über Urwald-Sex und Frauenfrage. Dad as aber im Theater belebt wird, ist es durchaus ansehbar.

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