Im ersten Bild, dem gelenkten Wahlkampf, müssen die Massen von laufenden Endlos-Spruchbändern ihre Begeisterung für den Führer ablesen. Weil sie nicht doof sind, durchschauen sie das Spiel und die Szene zeigt, was sie von diesem Staatstheater halten: Auf Kaspers Stammsitz tritt die gesamte Obrigkeit aus Polizei und Politik auf ihre wahre Bedeutung geschrumpft in doppelter Ausführung an, jeder Sänger-Oberkörper hat seine eigene Klappmaul-Figur über die Hand gestülpt und hält sie vor die Stimme. Die Macht ist bloß ein aufgedonnerter Gnom. Den Menschen ist das egal, sie erfreuen sich open-air an Schnaps und anderen geistigen Werten, bejubeln ein Rockkonzert auf der Puppenbühne und staunen, wenn das offenbar mit Hausrecht zuschnappende Krokodil die Stars verschlingt. Schönes Gaga-Bild, muss man gelegentlich nochmal drüber nachdenken. Aus den Event-Trümmern erheben sich die weiteren Szenen, die Timo Dentler und Okarina Peter mit blühendem Sinn für Kontrastwirkung bauten. Bettelmönche werden zu Partisanen, die Wirtin schenkt Wein im Tetra Pak aus, die Dorfpolizei hat Gartenzwerg-Format und geht deshalb auf Knien.
Dann empfiehlt sich der Griff nach der Abonnenten-Sonnenbrille, denn im Zaren-Haushalt gleißt pures Gold in Solariums-Leuchtkraft von den Wänden. Papa Boris, alleinerziehend, hat für die Familienidylle mit Kindern etwas Hermelin über die Underwear geworfen und gerät in Existenzangst. Derweil tritt das Volk auf wie in einem etwas später entstandenen Kunstwerk die Ex-Gespielin von Goldfinger im letzten Lebensabschnitt, alles hochkarätig von Kopf bis Fuß. Aber sie überleben, treffen sich nach der Messe mit Shopping-Tüten (aha, verkaufsoffener Sonntag) an der Hüpfburg und blicken nicht mehr durch. Bojaren mit Laptop beschleunigen die Krise, der Zar legt die Krone weg und genießt die Rente. Vielleicht träumt er auch nur davon.
Konwitschny hat Mussorgsky entkernt und die Satire im Melodrama freigelegt. Das ist effektvoll, auf schräge Art unterhaltsam, aber eine drastische Verkleinerung des Originals. Zumal der Regisseur der Ausdruckskraft der Musik nicht traut und durch Maschinengewehr-Knattern ergänzt („verdammte Wichser“ steht im Übertitel) und pointiertere Dissonanzen aus dem Orchestergraben mit kollektiven Migräne-Anfällen auf der Bühne illustriert. Es ist nicht die subtilste unter seinen vielen bemerkenswerten Arbeiten – und sie lässt auch Dirigent Marcus Bosch kaum Raum zur Entfaltung. Der ferne Klang einer eigenwilligen Mixtur aus Kopf und Seele kann trotz vieler Feinheiten im Detail den Durchbruch zur Magie kaum schaffen, wenn hinter jedem Blick die Fratze lauert. In diesem Rahmen leisten die Staatsphilharmonie und der große Chor tadellose Arbeit.
Der jung besetzte Nicolai Karnolsky in der Titelrolle ist nicht als röhrende Bass-Gewalt gefragt, er spielt und singt passgenau für die Inszenierung das Phantom der Macht in hochrespektabler Anmaßung. Im großen Ensemble keine großen Entdeckungen, aber kollektive Solidität mit Alexey Birkus, Tilmann Unger und Solgerd Isalv vornedran. Das Premierenpublikum war für die größte Überraschung des Abends gut: Der Beifall für den beispiellosen Boris wurde von keinerlei Widerspruch gestört. Regisseur und Dirigent waren davon offenbar auch überrascht, Konwitschny und Bosch klopften sich beim Verbeugen gegenseitig auf die Schulter.
