Szene mit Stephanie Hampl und dem Opernchor.
Musiktheater,

Turbulenzen um die Thronfolge

Emmanuel Chabrier: L`Étoile

Theater:Theater Augsburg, Premiere:02.12.2012Regie:Aron StiehlMusikalische Leitung:Carolin Nordmeyer

Auch die Oper hat ihren irrwitzig agierenden „König über 36 Königreiche“: was Alfred Jarrys „Roi Ubu“ dem Schauspiel ist, das singt und tobt als König Ouf I. in Chabriers anspruchsvoller Opéra bouffe „L’Étoile“. Gespenstisch lustig feiert er seinen Geburtstag immer auch mit einer öffentlichen Hinrichtung. Doch für die diesmal in Aussicht genommene Pfählung findet er nur mühsam den politisch „gefährlich“ desinteressierten, weil sterblich verliebten Straßenhändler Lazuli. Als jedoch der chaotische Hofastrologe feststellt, dass König Ouf nur einen Tag länger zu leben hat als der junge Mann – einen „Sternen-Zwilling“ des Königs – wird dieser nach allerhand Turbulenzen als Thronfolger etabliert und kriegt sogar die eigentlich für Ouf bestimmte hübsche junge Prinzessin „La-ou-la“.

All diese Abstrusitäten hat das Autoren-Duo Leterrier-Vanloo mit viel Wort- und Situationswitz gespickt. Das macht dem Werk in deutschen Landen den Erfolg schwer. Augsburg entschied sich für französische Gesangsnummern und deutsche Dialogtexte. Dennoch hielt sich das Gelächter in Grenzen, was nicht nur am etwas steifen Augsburger Premierenpublikum lag. Sänger sind halt selten gute Sprecher, trainiert eher auf das Tempogefühl für den Gesang als für das „Servieren“ einer Pointe, eines Wortwitzes. Da hätten Regisseur Aron Stiehl und Dirigentin Carolin Nordmeyer wesentlich intensiver proben müssen. Sogar die berühmteste Nummer des Werkes, das Sauf-Duett von König und Astrologe mit „Chartreuse verte“, gelang nur entschleunigt matt. Aber auch bezüglich des Handlungsablaufs und vor allem der stimmungstötenden Umbaupausen muss dem ganzen Team zugerufen werden: Mehr Tempo bis zur Rasanz bitte!

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So blieb es bei hübschen Einzelheiten. Metierbewusst wie Richard Strauss bei seinem späteren „Rosenkavalier“ hat Chabrier angesichts eitler Tenöre aus dem jungen, ebenso pfiffigen wie sentimentalen Lazuli eine Hosenrolle für eine agile Sopranistin gemacht. Stephanie Hampl überzeugte als gevifter Straßenhändler, der anhand seiner Tinkturen vorführte, wie im kleinen Behandlungsraum seines Dreiradautochens – Tür zu, Tür auf – eine ältere Dame mal Bartwuchs bekam, mal zum Edelköter mutierte und am Schluss drastisch verjüngt als Model davon stakste. Darüber hinaus aber verstrahlte sie all den hingerissenen Charme des sterblich Verliebten und machte ihre Liebesarie zu einem intim anrührenden Höhepunkt des Abends. Sally du Randt genoss nach den großen Opern-Tragödinnen nun alle „Ausrutscher“ der frustrierten Diplomatengattin, die sich kontinuierlich zutrinkt und alle greifbaren Männer „verbraucht“. Zu Recht Zentrum des Abends war Eric Laportes König Ouf. In einer protzig ausgespielten Mischung aus Mooshammer und Ludwig II. beschwerte er sich über mangelnde Ehrerbietung seitens des Publikums und übte – mit Erfolg! – das Aufstehen für „Seine Majestät“, um beim murrend sitzenbleibenden Orchester festzustellen: „Typisch Gewerkschaft!“ Sonstige störende Mitmenschen auf der Bühne erschoss er kurzerhand – am Ende auch die Dirigentin. Das war die absurde Stilebene, die dem ganzen Abend zu wünschen wäre. Wie turbulent-witzig das Werk sein kann, hat eben wieder die Opern Frankfurt bewiesen.