Dann hebt sich der Gaze-Vorhang und gibt den Blick frei auf eine moderne Form der historischen Shakespeare-Spielstätte mit Hinter- und Vorderbühne, mit einer Oberbühne (der vom linken unteren bis zum rechten oberen Bühnenrand weit geschwungenen, raumbeherrschenden „Gangway to heaven“) und einer (über den Orchestergraben zu erreichenden) „Hölle“ (Bühne und Kostüme Jürgen Höth). Auf allen Spielebenen verknoten sich drei Handlungsstränge. Zum einen halten Prospero und Ariel die gestrandeten Havaristen mit ihren Zauberkünsten in Schach, wobei sich Meike Anna Stock mit leichtfüßig schwebender Tändelei, ruckeligem Schiefhals-Tick und einer in leisen wie lautstarken Passagen klar verständlichen Sprache als brillante Schauspielerin erweist, der die Krone des Abends gebührt. Zum zweiten sorgen Caliban (Markus Löchner), ein urwüchsig nackter und wilder Insel-Geist, sowie die zwei närrischen Trunkenbolde Trinculo (Roman Weltzien) und Stephano (Timo Beyerling) aus dem königlichen Gefolge für lustige Slapstick-Turbulenzen – Gesindel zwischen all dem auf der Bühne verstreuten Strandgut-Lumpentrödel. Und drittens setzen sich Prosperos dralle Tochter Miranda (Christine Schaller) und Alonsos lieblich Geige spielender Sohn Ferdinand (Peter Christoph Scholz) komödiantisch überdreht als liebestolles Paar in Szene.
Zielstrebig steuert die Inszenierung auf einen Triumph schlichter Menschlichkeit zu, die sich in der Möglichkeit manifestiert, verzeihende Milde walten zu lassen. Zwar fuchteln die Kontrahenten mit ihren Schießeisen herum, lassen den Schusswechsel nach einigen verbalen Attacken aber bleiben. Besonders zeigt sich Humanität in der naiven Liebe zweier Menschen, die aus den ursprünglich verfeindeten Lagern kommen. Ein Wunder, wie Miranda treuherzig bekennt, eine „schöne neue Welt“ (a „brave new world“), wie es im Skakespeare-Text heißt. Vielleicht das Vermächtnis des großen Dichters, seine Hoffnung und Utopie.
