Dass auch Gefühle und familiäre Bindungen zur verhandelbaren Ware werden können, ist auf hiesigen Bühnen freilich seit dem Aufstieg von René Pollesch vor gut zehn Jahren schon vielschichtiger und gewitzter verhandelt worden als hier. Kushners im April 2011 uraufgeführtem Stück verharrt in der well-made-Struktur des guten alten amerikanischen Familiendramas, in dessen Verlauf jeder jedem mindestens einmal eine Lebenslüge um die Ohren haut. Wobei Kushner gleich noch Gus‘ ausgiebiges Gewerkschafts-Schwadronieren als eine solche Lüge entlarvt, indem er die ganze Familienbande als Ansammlung von verkorksten Egomanen zeigt. Das trägt so dick auf, dass all die Realismus-Liebesmüh von Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski und seinem Ensemble, die hier vor gut drei Jahren für den fulminanten Erfolg von Tracy Letts’„Eine Familie“ gesorgt hat, nun eher befremdlich wirkt – etwa wenn die Familienmitglieder sich einerseits gern mal gegenseitig überplappern, es andererseits ausgerechnet dann schlagartig ruhig wird, wenn die Inszenierung dem fatalen Hang aller Beteiligten zum Dozieren freien Lauf lässt. Wohl quasi als Ausgleich zum spröden Schwadronieren über erkämpfte und verratene Ideale oder sehr spezielle sexuelle Neurosen wird das szenentrennende Kreisen der Drehbühnen-Skulptur (Florian Etti) mit pathetisch-melancholischem Flamenco untermalt. Doch das unterstreicht nur die Vergeblichkeit des Versuchs, diesem Thesenträger-Personal mit Emotion beikommen zu wollen.
