Foto: „Brokeback Mountain“ von Charles Wuorinen am Theater Erfurt mit Daniela Gerstenmeyer, Dirk Biedritzky, Statisterie. © Lutz Edelhoff
Text:Roland H. Dippel, am 29. März 2026
„Brokeback Mountain“ von Charles Wuorinen am Theater Erfurt zeigt ein Drama der Sprachlosigkeit, das Jakob Peters-Messer in ein beeindruckendes Panorama setzt.
Das Orchester schwillt auf in einem martialischen Crescendo. Darauf verströmt Ennis del Mar mit einem alle Dämme brechenden Kraftpaket-Schlusston alle Emotionen, zu denen er sich vor dem Unfalltod seines Geliebten Jack Twist nicht durchringen konnte. Blackout – in der Psyche der Hauptpartie und auf der Bühne! So endet Charles Wuorinens Oper nach dem als Erzählung und Kinofilm legendären Sujet „Brokeback Mountain“. Die Partitur fasziniert bei wiederholtem Erleben durch ihre karge Gestaltung immer mehr: nach der deutschen Erstaufführung in Aachen (2014), dann in Gießen (2022) und jetzt in Erfurt.
Schicksalhafte Liebe
Wuorinen machte aus der schicksalhaften Liebe zweier Rancher am unteren Bereich der sozialen Stufenleiter kein agitatorisches Melodram. Annie Proulx setzte in ihrer 1997 erschienenen Erzählung und auch ihrem Libretto eine Studie aus knappen Worten. Sie thematisiert neben dem Elend der Liebesgeschichte zwischen Ennis und Jack auch die schwulenfeindliche Umwelt und deren Blessuren. Bis zu Ennis‘ Schlussaufwallung ist Wuorinens Oper ein Drama der Sprachlosigkeit: Jack Twists Satz „Ich bin nicht schwul!“ findet keine Erwiderung in einer LGBT-Pride-Floskel. Trendworte wie „toxisches Klima“ und „homophobe Gewalt“ richten gar nichts aus.
Jakob Peters-Messer hat das für seine im Großflächigen angesiedelte und dabei äußerst fein ziselierte Inszenierung erkannt, Hermes Helfricht für die wirklich gute Leistung des Philharmonischen Orchesters Erfurt auch. So entstand ein zutiefst beeindruckendes Panorama auf den schneeweißen Flächen der Hubpodeste für den symbolisch allgegenwärtigen Brokeback Mountain in Wyoming. Vor den Wänden der mehr sauberen als ärmlichen Wohnräume wirken die Frauen und Männer verschwindend klein, durchschnittlich, fast banal. Ennis‘ Frau Alma entlastet sich durch die Scheidung kaum. In Daniela Gerstenmeyers klarem Sopran fusionieren Statuswünsche und Frustration. Erst der verstorbene Macho-Vater Hogboy (Kakhaber Shavidze) steckt Jacks taffer Karrierefrau Lureen in einer Traumvision die Wahrheit über Jacks Veranlagung: Marlene Gaßner zeigt, wie Glut vereist und Emotionen verstummen.
In sich verloren
Es ist ein enorm fordernder und großartiger Abend für den Bariton Máté Sólyom-Nagy als Rancher Ennis del Mar und den Tenor Michael Smallwood als Rodeoreiter Jack Twist. Sie agieren mit emotionaler Konzentriertheit und packender Vokalenergie. SóIyom-Nagy und Smallwood bewegen sich allerdings ganz anders als Heath Ledger und Jake Gyllenhaal in den ikonischen Filmszenen. Sind bei der allmählichen Annäherung und der Explosion des Begehrens viel zurückhaltender und subtiler.

„Brokeback Mountain“ von Charles Wuorinen am Theater Erfurt. Foto: Lutz Edelhoff
Peters-Messer folgt Proulx und der Musik darin, dass er den Kampf der gegen die Umwelt, ihre Bedürfnisse und gegen ihre eigene Zweisamkeit mauernden Männer mit heteronormativen Stereotypen unterläuft. Die beiden sind in dem schwarzen Loch des Brokeback Mountain mit dem schräg in der Einöde stehenden Kabelmast, aber auch in sich verloren. Pascal Seibicke kostet auf der riesigen Bühne des Theater Erfurt jeden Kubikzentimeter Leere aus. Die Accessoires aus der US-amerikanischen Realität in den 1960er Jahren sind Anker, an denen sich die heterosexuellen Figuren festhalten. Sehr spät kommt der Opernchor auf die Bühne, wächst für Ennis mit dem Tod Jacks zu einem unerreichbaren und ihn ausstoßenden Kollektiv. Markus Baisch hat die wenigen, aber wichtigen und dabei lemurenhaften Einsätze einstudiert.
Unversöhnliche Synthese
Die überwiegend in dunklen Farben gehaltene Welt des männlichen Liebespaars und die Lebenswirklichkeit geraten erst am Ende mit Ennis‘ Besuch bei den Eltern des toten Jack (Katja Bildt und Jörg Rathmann) zur unversöhnlichen Synthese aus kantiger Verdrängung und vagem Mitgefühl. Auch hier setzt Peters-Messer so feine Gesten, dass sie unter den Kostümen eher zu erahnen als sichtbar sind. Während der Film mit Nähe zwischen Akteuren und Kamera arbeitet, nutzt die Inszenierung die große Entfernung zwischen Publikum und Bühne. Die Erfurter Produktion moralisiert nicht, sie appelliert nicht und sie setzt keine Kritikmarken aus einer Gegenwart, die viele und dabei noch lange nicht alle Ausgrenzungen gegen queere Lebensformen überwunden hat. Es ist ein beredtes Zeichen für Vielfalt und Toleranz, das das Theater Erfurt am 11. April Jake Heggies „For a Look or a Touch“, ein Musikdrama über Queerness im Nationalsozialismus, folgen lässt.
Das Publikum nimmt – abgesehen von ganz wenigen vorzeitig Aufbrechenden – die Darstellung einer queeren Beziehung in restriktiven Sozialsystemen mit ebensolcher Selbstverständlichkeit auf wie „Romeo und Julia“ oder „Aida“. Diese Selbstverständlichkeit ist ein wertvoller und schützenswerter gesellschaftlicher Fortschritt.