Foto: Cody Quattlebaum (Buddha), Ralf Rachbauer sowie Tänzerinnen und Tänzer. © Max Borchardt
Text:Ulrike Kolter, am 2. März 2026
Die Uraufführung „Awakening“ am Theater Bonn fordert uns einiges ab. Der indisch-britische Komponist Param Vir hat mit dem Dramatiker David Rudkin eine Oper über den Lebensweg Siddhartha Gautamas und seine Transformation zum Buddha geschrieben, gerahmt von einer Kriegsgeschichte. Regisseur Vasily Barkhatov erspart uns nichts – und das ist gut so.
Ehe Sie diesen Text lesen, fragen Sie sich bitte kurz: Was sind Ihre eigenen moralischen Prinzipien? – Nicht zu töten? Nicht lügen? Achtsamkeit oder Empathie? Askese?
Die meisten dieser Regeln sind dem Buddhismus eingeschrieben, den man fast mehr als Philosophie der Moral denn als Weltreligion betrachten könnte. Nicht die Beziehung zu einem Schöpfergott, vielmehr die durch Selbsterkenntnis erlangte Überwindung des subjektiven Leidens steht im Mittelpunkt, ganz praxiszentriert, erreichbar über den Regelkanon der „Vier edlen Wahrheiten“.
Politisch ungewollt aktuell
Eine Oper über diese Lehre und das Leben des historischen Buddha, Siddhartha Gautama, zu schreiben, ist also geradezu der Appell ans Publikum, in die Selbstreflexion zu gehen. Und es ist ein Wagnis, den Weg innerer Erleuchtung in eine äußere, noch dazu kriegspolitische Rahmenhandlung zu gießen. Mit „Awakening“ als Auftragswerk für die Oper Bonn hat der indisch-britische Komponist Param Vir gemeinsam mit dem Dramatiker David Rudkin genau das geschafft – durch den Kunstgriff eines Stückes im Stück. Und das uraufgeführt am Folgetag des Angriffs der USA und Israels auf den Iran mit einer politischen Aktualität, die nie wünschenswert war.
Eine Buddhismus- oder Kriegs-Oper?
In „Awakening“, ursprünglich erdacht vor dem Hintergrund des Tibet-Konfliktes und heute übertragbar auf quasi alle hinzukommenden Kriegsschauplätze dieser irren Welt – versammelt sich eine Truppe von Schauspielenden, um die Transformation von Prinz Gautama zum Buddha nachzuerzählen. Doch moderiert vom Theaterdirektor (Mark Morouse), werden die Proben eingeholt von der Realität: Während draußen Bomben fallen, Bücher brennen und die Erde bebt, improvisieren sie drinnen auf einer Bühne aus Kriegsgeräten und Schutt, umgeben von haushohen, rostigen Metallgerüsten. So wirkt ihr Nachspielen von Buddhas Leben als Widerstand gegen Hass und Unterdrückung. Der 1. Akt endet nach dem Angriff auf das Theater mit einer Feuersbrunst.

Szene mit Yannick-Muriel Noah, Cody Quattlebaum, Katerina von Bennigsen, Christopher Jähnig und dem Chor des Theater Bonn. Foto: Max Borchardt.
Star-Regisseur Vasily Barkhatov, der in Bonn zuletzt einen märchenhaften „Eugen Onegin“ inszeniert hatte und 2028 den neuen Bayreuther „Ring“ verantworten wird, hat im künstlerischen Team mit Olga Shaishmelashvili (Kostüme) und Zinovy Margolin (Bühne) ein tristes Panoptikum aus maskierten und damit anonymisierten Figuren entworfen. Sturmhauben tragen sie oder Totenkopfmasken, teils mit Perlen oder Tüchern verziert. Chor und Statisterie bevölkern als Zuschauende fast den ganzen dreistündigen Abend die Seitenbühne, während Tänzer:innen in rosa Gewändern sich schattengleich gebärden. Wieder zeigt Vasily Barkhatov sein Gespür für große Ensemblearrangements, lässt Treppen und Emporen bespielen oder Figuren an einem Zahnrad-Hebekran in die Luft ziehen.
Viel Groteskes gilt es zu erfassen zum philosophisch-aufgeladenen Libretto – und zur harmonisch komplexen Tonalität von Param Vir, die im Dirigat von Daniel Johannes Mayr die zahlreichen Parlando-Szenen untermalt und mit der Bedeutung von Intervallen jongliert. Da flirren die Harfen in Momenten der Transzendenz, oder die Streicher stürzen abwärts im Sterben der Leiber. Und all die kurzen Lehrsätze und Parabeln, verfasst in gut verständlichem Alltagsenglisch, geben dem Publikum einiges zum Verdauen mit.
Auslöschung
Der amerikanische Bariton Cody Quattlebaum gibt Prinz Gautama mit großer Emphase und beachtlicher Kondition: Nachdem er im 1. Akt den drei Gestalten Alter, Krankheit und Tod begegnet ist und durch sie das Leid des Menschen begriffen hat, verlässt er Familie und Königreich: „Ich brauche eine Antwort auf die Qual unseres Verfalls“. Gewandelt zum Buddha – nach der Pause nun unmaskiert und in orangenem Mönchsgewand – geht sein Spiel auf einem Trümmerhaufen weiter, während ein Chor von Vertriebenen die Leichen davonträgt. Die fragmentarischen Szenen und Traumsequenzen des 2. Akts verhandeln dann den Erkenntnisweg Buddhas und seiner Anhängerschaft, bis hin zu ihrer Auslöschung – und Auferstehung.

Am Ende fallen Bomben auf alle Mitwirkenden des Schauspiels um Buddha. Foto: Max Borchardt.
Aus dem riesigen Ensemble sind vor allem Tae Hwan Yun (mit strahlendem Tenor als Sunita) und Yannick-Muriel Noah (Gautamis Schwester) hervorzuheben. Man kommt nicht allen Gleichnissen hinterher mit Herz und Hirn. Und zuweilen ist der Wechsel von abrupter Massenerschießung, bühnengroßen Kriegsfotografien und grotesk-tänzerischer Kommentarebene schwer erträglich. Trotzdem hört und folgt man jede Sekunde gebannt und bleibt verstört zurück. Ein transformierender Abend.