Babett Grube inszeniert in Bremen "Ich rufe meine Brüder" von Jonas Hassen Khemiri

Terroralarm!

Jonas Hassen Khemiri: Ich rufe meine Brüder

Theater:Theater Bremen, Premiere:18.04.2015Regie:Babett Grube

„Gehen 90 Deutsche und ein Araber in einen Raum, wer hat mehr Angst?“ Selten bringt ein hinzuerfundener Einstiegssatz das aufgeführte Stück dermaßen gut auf den Punkt, wie diese Anfangsbemerkung von Yassin Trabelsi: ein durchaus arabisch anmutender, deutsch-tunesischer Schauspieler im Blickduell mit 90 Zuschauern.

Ab sofort spielt er Amor, verschließt den Theatersaal, der zum Angstraum wird. Kein Entrinnen mehr möglich. Auch nicht vor dem Furor seines heillos verwirrt durchlebten Monologs – mit eingeschobenen Erinnerungsszenen vom Erwachsenwerden und hörbar gemachtem Stimmengewirr, live aus dem Hirn. Die Besuchertribüne steht frontal vor der gen Osten weisenden Wand der Black-Box-Bühne und lässt den Akteuren einen nicht mal zwei Meter breiten Spielsteg zwischen Mauer und 1. Sitzreihe. Auch unter, über, neben den Zuschauern wird agiert. Fast gar nicht aber im riesigen Bühnenraum dahinter, er bleibt irritierend ungenutzt, geradezu peinigend in seiner finster gähnenden Leere.

Amor improvisiert erstmal in direkter Publikumsansprache zum Thema „Terroralarm“ in Bremen. Aufgrund irgendeines Attentat-Hinweises war am letzten Februar-Wochenende die gesamte City mit waffenstarrenden Menschen in vollem Kriegsornat bevölkert. Ein diffuses Bedrohungsszenario. „Krass, oder? Bombenstimmung!“ Die nun im Theaterbesucher wieder aus der Verdrängung gekitzelt, konkret lebendig werden soll. Ganz im Sinne des tunesisch-schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri, der sich mit „Ich rufe meine Brüder“ auf einen dschihadistisch gemeinten Selbstmordanschlag in seiner Heimstadt Stockholm 2010 bezieht – und die folgenden Generalverdächtigungsreflexe dramatisch aufarbeitet. Mit Amor, der erkennen muss: Seine Physiognomie entspricht dem Stereotyp des muslimischen Terroristen arabischer Herkunft.

Er fühlt sich plötzlich fremd daheim, wird sich selbst suspekt und meint, Terrorpanikaugen schauen ihn ständig anklagend an, beobachten hasserfüllt sein Tun, verfolgen und bedrohen ihn. Wenn er in seinem Rucksack kramt, in der Straßenbahn ein Buch in fremder Sprache liest, nur mal eben unsicher guckt – wird dann nicht gleich hinter den Überwachungskameras eine polizeiliche Ermittlung eingeleitet? Oder ist das paranoid? Was bildet Amor sich ein? „Kommt mir so vor, als ob sich alles in meinem Kopf abspielt“, haucht es ratlos aus Trabelsis Amorkörper hervor, der sich zunehmend angstgepeinigt zusammenknotet und in Hockstellung herumschleicht. Wenn er zum Beten niederkniet wird daraus ein beschämtes, wurmiges Davonkriechen. Amor möchte gar nicht, oder wenigstens positiv auffallen.

So versucht er, den Werbeaufkleber eines Apfels betont ordnungsgemäß, betont öffentlich in einen Mülleimer zu entsorgen, um zu vermitteln, so einer zu sein, „der nicht so einer ist“. Regisseurin Babett Grube macht daraus in ihrer fein ausgearbeiteten, vor Angstenergie und Spielfreude vibrierenden Inszenierung eine herrliche Slapsticknummer mit einem nicht von der Hand lösbaren Klebebandfitzel. Dieser wird zum Stigma des Andersseins – und Amor damit besonders auffällig. Panik wächst, blüht und gedeiht. Irgendwann identifiziert sich der Beklebte mit den Vorurteilen und wird der, für den ihn dann alle halten: eine Zeitbombe, ein Killer. Grube lässt das mit vitaler Jungsfantasie ausleben in einer Superhelden-Show: Amor kämpft wortreich mit einem imaginären Messer gegen ein fantasiertes Heer von Polizisten und eine fabulierte Armada von Hubschraubern. Absurd komisch.

Aber auch die Zuschauer bekommen Aufkleber auf die Stirn, werden gekennzeichnet. So läuft es psychologisch nun mal: Jeder wird Projektionsfläche der Ängste der anderen. Die Terrorängstlichen sehen in Amor nur noch den bösen Araber, dieser sieht aus Diskrimierungs- und Existenzangst in den Terrorängstlichen nur noch die bösen Rassisten. Bis Grube die Darsteller die Zuschauertribüne entern lässt, um ein „Wir haben keine Angst“-Mantra vorzustellen.

Damit noch ein bisschen Jugendgeschmack an die Inszenierung kommt, werden für das angepeilte „14+“-Publikum Großfamilien-Comedy, Kumpel-Karikaturen-Spotlights und eine Liebes-, genauer: Stalking-Geschichte eingepflegt – so richtig mit Balkonszene von Romeo Amor und seiner nicht Julia sein wollenden Sandkastenfreundin. Die deutsche Übersetzung des Stücks wirkt voll krass Jargon-authentisch. Und die Inszenierung ist allein vom kraftvoll rasanten Spielduktus her ein wahrer Mutmacher, nicht gesellschaftliche Zuschreibungen, sondern eigene Selbstentwürfe zum Lebensspiel zu verwenden. Um auch angstfrei 65 Minuten lang mit einem Araber und 90 Deutschen in einem Raum verbringen zu können.