Foto: Das Ensemble und ein Berg aus Fleisch. © Nils Heck
Text:Lea Nitsch, am 8. Mai 2026
Ruth Mensah inszeniert die Uraufführung von „Maus, Geld, Gespenst“ von Sunan Gu. Die Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Schauspiel Essen findet eine beeindruckende Balance zwischen niedlichem Entsetzen und empathischem Zynismus.
Morgens aufstehen, mit dem Aufzug aus dem luxuriösen Hochhaus hinabgleiten, einmal um den künstlich angelegten See im Betonbett joggen, sich auf dem Rückweg einen überteuerten Kaffee schnappen, zur Arbeit fahren, eat, sleep, work, repeat: ‚moderner‘ Wohlstand in einer globalen Metropole. Bei der Sexarbeiterin Lin mischt sich dieser Traum mit kulturellen Vorstellungen. Wenn sie von Luxus träumt, denkt sie an babyrosa Betten im europäischen Stil im siebten Stock. Dann weiß sie, wie man einen Kaffee auf Englisch bestellt. Dann räkelt sie sich in Balenciaga und Miu Miu, sieht aus wie Lalisa von Blackpink: „Ich werde mich einpflanzen in die Stadt wie einen Samen. Eines Tages wird vielleicht ein Stadtbaum daraus.“
In dem 2025 mit dem „Volksbühnenpreis für Theaterliteratur“ ausgezeichneten Stück „Maus, Geld, Gespenst“ prallen gesellschaftliche Zwänge, Rassismus und der innige Wunsch nach Verbundenheit brutal aufeinander. Die in Beijing und Sydney aufgewachsene Berliner Autorin Sunan Gu beschreibt darin die Schicksale von fünf miteinander verwobenen Figuren, die alle für sich selbst einsam sind. Zwischen Berlin und Beijing kämpfen sie mit den Geistern ihrer kulturellen Vergangenheit und deren Einfluss auf ihre Identität.
Auswegloses Verlangen nach mehr
Lin lebt in Beijing und verheimlicht ihre Arbeit vor ihrer Familie auf dem Land. Gleichzeitig ist sie diejenige, die das Geld nach Hause schickt. Ihr Kunde Mr. Maus trauert um seinen verstorbenen Sohn und verwandelt währenddessen seinen erarbeiteten Wohlstand in Schulden. Lins Bruder Ming ist derjenige in der Familie, der einen Uniabschluss hat. Mit Unterstützung der Eltern hat er fünf verschiedene Sprachen gelernt, einen Master in politischer Philosophie abgeschlossen und verliert trotzdem in einem Bewerbungsprozess den Job an einen weißen Ausländer.
Seine Frau Lina, eine Immigrantin aus Berlin und überzeugte Buddhistin, ist vor sechs Monaten an Krebs gestorben. Ihre Schwester Sarah aus Wedding macht die traditionelle chinesische Medizin dafür verantwortlich. Für sie gibt es nichts Schlimmeres als die chinesische Kultur. Den Inbegriff für diesen Schrecken findet sie in den Videos der Berliner Studentin Feng alias „Hitslove“, die als Streamerin in Mukbangs (koreanisches Kompositum für Essens-Sendungen) chinesische Gerichte sensationalisiert, um ihr Leben in Deutschland zu finanzieren. In einem Stream isst sie gegen ihr eigenes Wohlbefinden vor laufender Kamera eine lebendige Maus.
Brutal und niedlich
Ruth Mensah findet für ihre Inszenierung von „Maus, Geld, Gespenst“ im Essener Grillo-Theater eine beeindruckende Bildsprache. Die Bühne (Yuni Hwang) ist ein steriler, weltfremder Ort, zeitgleich Beijing und Berlin. Eine Art Flur oder Schacht, wie man ihn in einem Raumschiff vermuten würde. In der Mitte der Bühnenwand prangt eine Anzeige, auf der zwischendurch pixelförmige Emojis suggerieren, was auf der Bühne geschieht. Die fünf Darstellenden tragen übergroße Masken, die wie bauchige Lampenschirme auf ihren Schultern sitzen. Ihre Gesichter sind aufgemalt, stets zum Publikum gerichtet, fast wie in einem Figurentheater. Gekleidet sind alle in Rosarot, ein bunter Mix der Kulturen mit Einflüssen von Qipao, Adidasstreifen und Anzugjackett (Kostüme: Shayenne Di Martino). Rosarot ist auch der riesige Fleischberg, der wie ein Staubsaugerroboter zu Beginn und zum Ende der Inszenierung seinen Auftritt hat und putzig über die Bühne wabert. Ein mögliches Sinnbild für den Konsum, für die Gier nach mehr? Die Interpretation bleibt dem Publikum überlassen.

Sarah (Katharina Bogdanova Petrova) macht im Labor Tierversuche an Mäusen. Foto: Nils Heck
Und dann ist da noch der giftgrüne Waldmeister-Wackelpudding. Er taucht als Requisite auf, wenn Lin (Maddy Forst) bei ihrer Begegnung mit Mr. Maus (Mansur Ajang) die Oberfläche seiner tiefsten Gefühle kratzt. Er erscheint erneut, wenn Sarah (Katharina Bogdanova Petrova) bei ihrem Job im Tierversuchslabor ihren Rassismus gegenüber Streamerin Feng (Pablo Alvarado) verteidigt. Die Bedeutung des Wackelpuddings auf der Bühne wird nicht ganz klar. Trotzdem verliert er nicht seine Wirkung, wenn der Rest des Ensembles, nun als Versuchsmäuse, den Wackelpudding wahnwitzig seziert und aufschlitzt.
Auf den Körper geschrieben
Es ist wirklich beeindruckend, wie intensiv und emotional die Darstellenden agieren, ganz frei von Mimik. Während sich das Grauen auf der Bühne entfaltet, die Ungerechtigkeiten, die Widersprüche deutlich werden, bleiben die Maskengesichter unbewegt und unverändert. Vielleicht trägt diese Diskrepanz noch einmal mehr zum allgemeinen Unwohlsein bei. Ganz besonders fällt das bei Christopher Heisler als Lins Bruder Ming ins Gewicht. Alle seine Bewegungen scheinen genau austariert und mit dem Text zu fließen. Während der Vorstellung kuschelt er mit der Urne seiner Frau in der Armbeuge, hüpft dabei spitzbübisch über die Bühne. Als er von Linas Tod erzählt, holt er gelbe Plastikschnipsel aus der Urne, reibt sie über seinen Körper, in sein Gesicht, nur um im nächsten Moment verstörend zu kichern.
Es ist dieses niedliche Entsetzen, diese Balance zwischen „Ew, das ist abstoßend“ und „Aw, das ist süß“, die sich durch die Kostüme, über die Darstellenden bis ins Publikum zieht. Die Lebensrealitäten der fünf Figuren werden einem förmlich vor das Gesicht geknallt, in all ihrer Vielschichtigkeit. Hier wird niemand seicht an die Hand genommen und an das Konzept von strukturellem Rassismus herangeführt. Stattdessen fordert die Inszenierung, stellt das verzwickte Geflecht von Herkunft, Wohlstand, Diskriminierung, kultureller Verpflichtung und Aneignung offen in den Raum. Das sind viele große Themen und komplexe Umstände, die in Ruth Mensahs Inszenierung gegeneinander nebeneinander stehenbleiben. Vielleicht fasst es Streamerin Feng am besten zusammen: „Was, wenn ich viele Seiten habe? Und alle sich widersprechen?“ Ja, was dann? Vielleicht muss man das aushalten.