Das wird Lübbes intensiv-spannende Inszenierung nie, die ihre Figuren sehr genau zeichnet. Emilia Galotti (Anna Keil spielt sie klar, zart, aber auch mit Härte) wandelt sich vom Mädchen, das aus der Kirche kommt, wo sie ihren Namen hat flüstern hören, zur Frau, die die Verführung des Grafen nicht nur erkennt, sondern auch, dass sie ihr erliegen könnte. Da steht sie dann verträumt und verschreckt zugleich am Bühnenportal, den Arm suchend und sehnend nach dem Prinzen ausgestreckt. Den spielt Ulrich Brandhoff – wie alle in heutiger Alltagskleidung, nur er barfuß – als charmanten, aber kühl kalkulierenden Verführer, der keine Hindernisse duldet. Die räumt im Zweifelsfall der fies-maliziöse, dienstfertige, aber nie unterwürfige Marinelli von Michael Pempelforth weg. Dass sich Orsina (Bettina Schmidt) mit ihm ein brillantes Wortgefecht liefert, ändert nichts, hält nichts auf. Da bleibt auch Emilias Vater (Denis Petkovic) nur der lange, lautlose Schrei. Da ist die Bühne schon tiefschwarz, kommt Emilia – hart und ruhig, Empörung und Trauer in der Stimme – aus dem Dunkel zum Vater, verlangt die Waffe, die er Orsina abnahm. Dann gibt es zwar – wieder in diesem Pfeilerwald – einen Kuss des Prinzen, sie schmiegt sich an und wehrt sich zugleich. Doch dann erschießt Emilia – anders als bei Lessing – sich selbst. Sonst wäre sie der Verführung wohl erlegen und ihr wäre es, anders als dem bloß spielenden Prinzen, Ernst gewesen.
